Warum unsere Feste zu klein angelegt sind
Auf meiner heutigen Wanderung kreuzte ich die Bierwanderung. Zum achten Mal führte die Ägerisee Bierwanderig über elf Kilometer von der Ägerihalle zum Schulhaus Morgarten. Neun Stationen, über zwanzig Biersorten, 27 Bons für je einen Deziliter. Am Start bekommt jeder einen Humpen, den er den ganzen Tag mitträgt.
Etwas muss vorweg gesagt sein, weil viele Christen bei solchen Themen sofort in einen Reflex fallen, der mit dem Evangelium wenig zu tun hat. Die Bibel ist gegenüber dem Feiern erstaunlich grosszügig. In 5. Mose 14 wird Israel ausdrücklich angewiesen, den Zehnten notfalls zu Geld zu machen, damit zum Heiligtum zu reisen und dort zu kaufen, wonach die Seele verlangt: Rinder, Schafe, Wein und starkes Getränk. Und dann zu essen und sich zu freuen.
Jesus selbst hat sein erstes Wunder auf einer Hochzeit gewirkt, und zwar nicht, um den Wein zu strecken, sondern um mehr davon zu machen. Er war so oft an Tischen anzutreffen, dass seine Gegner ihn einen Fresser und Weinsäufer nannten (Mt 11,19).
Die Frage lautet nicht: Ist dieses Fest zu viel? Die Frage lautet: Ist es genug?
1. Was wir eigentlich suchen
Niemand zahlt 65 Franken für Bier. Bier gibt es im Coop, günstiger und in grösseren Gläsern. Was hier gekauft wird, ist etwas anderes. Es ist ein Tag, an dem man mit Menschen unterwegs ist, die man mag. Ein Tag ohne Termine. Ein Tag, an dem die Landschaft schön ist und das Leben für ein paar Stunden leicht.
Halten wir das fest, denn es ist der Schlüssel zu allem, was folgt: Dieses Verlangen ist nicht verdorben. Es ist richtig. Der Mensch ist für Gemeinschaft, Freude und Fülle geschaffen. Wer am Samstagmorgen mit seinen Freunden an der Ägerihalle steht, sucht etwas, wofür er tatsächlich gemacht ist.
Das ist immer der Ausgangspunkt, wenn wir über Götzen reden. Ein Götze ist nie etwas Schlechtes. Ein Götze ist etwas Gutes, das an die Stelle des Letzten getreten ist. Und hier ist die Frage, die weiterführt: Was, wenn das Problem mit diesem Tag nicht darin besteht, dass wir zu viel von ihm erwarten, sondern dass wir viel zu wenig erwarten? Dass wir uns mit einem Deziliter zufriedengeben, obwohl wir für das Hochzeitsmahl bestimmt sind?
2. Drei Zeugen, die dasselbe sagen
Ich möchte drei Denker erwähnen und diesen Anlass kulturkritisch beleuchten.
Der erste ist Søren Kierkegaard. In «Entweder–Oder» lässt er einen kultivierten Ästheten sein Lebensprogramm darlegen: Die Langeweile sei die Wurzel allen Übels, und das einzige Mittel dagegen sei die Wechselwirtschaft. Nur nicht festlegen. Nur nicht ausschöpfen. Immer den nächsten Reiz offenhalten. Nun schauen Sie sich das Konzept an: ein Deziliter pro Sorte. Die Portion ist zu klein zum Sattwerden und gross genug für die Neugier. Das ist Kierkegaards Diagnose in Veranstaltungsform.
Kierkegaard hat noch eine zweite Beobachtung, die tiefer sitzt. In seiner Schrift «Die Wiederholung» reist ein Mann nach Berlin, um ein früheres Glück noch einmal zu erleben – und scheitert kläglich. Das zweite Mal ist nie das erste Mal. Genau davon lebt jeder Jahresanlass: wie letztes Jahr, nur besser. Und genau daran zerreibt er sich. Kierkegaards Fazit ist bemerkenswert: Echte Wiederholung gibt es nur religiös. Nur dort, wo das Verlorene aus Gottes Hand zurückgegeben wird, wie bei Hiob.
Der zweite ist Charles Taylor. Er beschreibt, wie das Mittelalter ein Ventil kannte, das wir verloren haben: die verkehrte Welt, das Narrenfest, den Knecht als Bischof. Die Ordnung hielt gerade deshalb, weil sie einmal im Jahr rituell auf den Kopf gestellt wurde.
Und jetzt vergleichen Sie das mit unserem Anlass. Vorverkauf. Markierte Route. Gezählte Bons. Extrabusse. Ende um 19 Uhr. Das ist keine verkehrte Welt, das ist geordnete Entordnung. Man kann den König nur verspotten, wenn es einen König gibt. Wo keine Ordnung mehr über uns steht, bleibt von der Ausgelassenheit nur noch Entlastung übrig. Entlastung ist buchbar.
Der dritte ist Philip Rieff. Er ist der unbequemste. Rieff sagt: Jede Kultur besteht aus Verboten und aus Erlaubnissen, die von diesen Verboten autorisiert sind. Das Fest war immer die erlaubte Ausnahme. Es lebte davon, dass es eine Ausnahme von etwas war.
Nehmen Sie das Verbot weg, und die Erlaubnis verliert ihren Sinn. Es gibt dann nichts mehr zu erlassen. Der Tag ist nicht mehr Ausnahme, sondern Produkt. Und so ist es auch: gebucht über einen Ticketshop, organisiert von einer Treuhandgesellschaft. Entlastung wird bei uns professionell verwaltet. Rieffs Frage an diesen Samstag lautet deshalb nicht: Ist das zu viel? Sie lautet: Wovon ist dieser Tag eigentlich die Ausnahme?
3. Der Ort, an dem die Geschichte endet
Noch eine Beobachtung, bevor wir zum Eigentlichen kommen.
Robert Bellah unterscheidet in «Habits of the Heart» zwischen einer Lifestyle-Enklave und einer echten Gemeinschaft. Die Enklave bildet sich über Freizeit und Konsum und versammelt Menschen, die einander ähnlich sind. Eine Gemeinschaft dagegen hat eine Geschichte, erzählt sie weiter und kennt Verbindlichkeiten, die man nicht gewählt hat.
Die Bierwanderig hat Aspekte von beiden, und das macht sie interessant. Für die Enklave sprechen: Eintrittspreis, Wahlverwandtschaft, Auflösung um 22 Uhr. Für die Gemeinschaft sprechen: die Vereine, die Brauereien mit Herkunft, ein bestimmtes Tal, acht Jahre Wiederholung.
Und dann der Endpunkt. Die Route endet bei Morgarten. Dort, wo 1315 eine Schlacht geschlagen wurde, aus der ein Land seine Gründungserzählung bezogen hat. Der Ort der Erinnerung ist zur Etappe geworden. Er wird nicht mehr erzählt, er wird begangen. Ich sage nicht, dass das verwerflich ist. Ich sage: Es ist ein Bild für unsere Lage. Wir bewegen uns durch eine Landschaft voller Bedeutung, für die wir keine Worte mehr haben, und nennen es einen schönen Tag.
4. Die Lauten – und wer über sie urteilt
Es gibt sie an jedem solchen Anlass. Die kleine Gruppe, die zu laut ist. Die grölt. Die man schon von der nächsten Station her hört. Eine Minderheit, ganz sicher. Und der Reflex ist zuverlässig: Die verderben es für alle. Meine These: Die Lauten sind nicht die Ausnahme von diesem Anlass. Sie sind seine Offenlegung.
Wenn Sie mit Taylor fragen, wo in einem vollständig durchorganisierten Erlebnisprodukt überhaupt noch etwas Unberechenbares aufbricht – die Antwort ist: dort. Alle anderen degustieren. Diese feiern. Wenn Sie mit Rieff fragen, warum es lauter werden muss: weil dort, wo keine Grenze mehr steht, eskaliert werden muss, um überhaupt noch zu spüren, dass eine existiert. Der Lärm ist der Versuch, eine Schranke zu erzeugen, die niemand mehr setzt.
Und es kommt ein Mangel dazu, über den wir zu wenig reden. Männerfreundschaft hat in unserer Zeit kaum noch eine legitime Sprache. Es gibt fast kein Vokabular für Zuneigung unter Männern, das nicht entweder therapeutisch oder peinlich klingt. Was bleibt, sind Lautstärke, Alkohol und der Arm um die Schulter beim Lied. Ein grosser Teil dieses Lärms ist schlecht artikulierte Zärtlichkeit.
Nun die Wendung. Dieser Anlass ist als Degustation gerahmt: neun Stationen, zwanzig Sorten, ein Deziliter, Brauereigeschichte. Das ist präzise jene Unterscheidung, die «geniessen» von «saufen» trennt. Getrunken wird in beiden Fällen. Unterschieden wird über Form, Wortschatz und Portionsgrösse. Die Lauten verletzen nicht die Moral. Sie verletzen den Code. Und sie machen sichtbar, wie dünn die Linie zwischen Kultiviertheit und Rausch bei 2,7 Litern in Wahrheit ist. Deshalb stören sie.
Erinnern Sie sich an Lukas 15. Wir nennen es das Gleichnis vom verlorenen Sohn, aber es sind zwei Söhne, und am Ende der Geschichte steht nur einer draussen vor der Tür. Es ist der Anständige. Der Fleissige. Der, der alles richtig gemacht hat. Er ist genauso weit vom Vater entfernt wie sein Bruder; nur hat er den anderen Weg genommen. Der eine floh vor dem Vater in die Ausschweifung, der andere in die Korrektheit. Beide wollten das Erbe ohne den Vater. Und man erkennt den älteren Bruder untrüglich daran, dass ihn der Anblick des jüngeren nicht traurig macht, sondern überlegen.
Wer über die Grölenden die Nase rümpft und wer mit ihnen grölt, suchen dasselbe: dazuzugehören und jemand zu sein. Die eine Form wird gesellschaftlich prämiert, die andere nicht. Das ist der ganze Unterschied. Vor dem Vater ist es keiner.
5. Der Kelch, der leer getrunken wurde
Jeder Teilnehmer trägt einen Humpen. Den ganzen Tag, elf Kilometer weit. Er wird immer wieder ein Stück weit gefüllt und nie ausgetrunken. Neun Stationen, 27 Bons, und am Abend ist er leer, weil der Tag zu Ende ist, nicht weil man angekommen wäre.
Ich kenne kein besseres Bild für das Leben, das die meisten von uns führen. Wir tragen ein Gefäss durch die Jahre, das nie ganz voll und nie ganz leer wird. Wir nennen es Karriere, Familie, Ferien, Gesundheit, Anerkennung. Wir füllen nach, wo wir können. Und wir nennen den Durst, der bleibt, Stress oder Müdigkeit oder Midlife.
Die Bibel kennt noch einen anderen Kelch. In Gethsemane kniet ein Mann und betet, dieser Kelch möge an ihm vorübergehen. Es ist der Kelch des Zorns, von dem die Propheten gesprochen hatten – das ganze Gewicht dessen, was wir aus unserem Leben und aus Gottes Welt gemacht haben. Er ging nicht vorüber. Er hat ihn genommen, und er hat ihn ausgetrunken. Bis zum Grund. Deshalb dürfen wir einen anderen Kelch in die Hand nehmen. Am Tisch des Herrn wird uns ein Becher gereicht, der nicht Betäubung ist, sondern Vergebung. Nicht Ausnahme vom Leben, sondern Grund des Lebens.
Sehen Sie den Unterschied? In 5. Mose 14 hat das Fest zwei Bestimmungen, die alles entscheiden. Es hat eine Richtung: gefeiert wird vor dem Herrn. Und es hat einen Einschluss: der Levit, der nichts besitzt, sitzt mit am Tisch. Jesus hat beides aufgenommen, als er sagte, man solle nicht die einladen, die zurückeinladen können, sondern die, die es nicht können.
Beachte eine Teilnahmebedinung an diesem ganzen Anlass, die unscheinbarste Zeile in der Ausschreibung: Wer nicht trinkt, läuft gratis mit. Da ist sie. Eine winzige Spur von Gnade, wahrscheinlich aus reiner Vernunft so beschlossen. Aber sie ist da. Auch die verlorenen Formen tragen noch die Erinnerung an das, wovon sie sich gelöst haben.
Hinweis: Ich habe meine Überlegungen mit KI-Unterstützung verfeinert und ausformuliert.