Hanniel Strebel empfiehlt ein sehr strukturiertes, diszipliniertes Vorgehen beim Bibellesen. Sein Ziel ist es nicht nur, Informationen zu konsumieren, sondern in eine tiefe Gemeinschaft mit Gott zu treten und das eigene Leben von der Schrift bestimmen zu lassen. Seine Empfehlungen für Vorgehen und Struktur lassen sich in folgende Kernbereiche unterteilen:
1. Tägliche Gewohnheiten und Rahmenbedingungen Er rät nachdrücklich dazu, das Bibellesen als feste tägliche Gewohnheit im Tagesablauf zu verankern und sich dabei von Leseplänen (z. B. einem Ein- oder Zwei-Jahres-Plan) leiten zu lassen. Dabei empfiehlt er verdaubare Portionen, idealerweise zwei bis vier Kapitel aus dem Alten Testament und ein bis zwei aus dem Neuen Testament pro Tag. Selbst wenn eine Flaute eintritt und das Lesen unterbrochen wird, lautet seine klare Devise: „Wenn du aufgehört hast zu lesen, dann fange wieder an!“.
2. Strukturierung der Lese-Einheit Für die einzelne Lesezeit schlägt er eine klare Grobstruktur vor, bei der das Gebet die Klammer bildet:
- Start: Gebet, oft mit den Worten aus Psalm 119,18 („Herr, öffne mir die Augen“), da wir auf das Wirken des Heiligen Geistes angewiesen sind.
- Mitte: Zuerst wird der Text gelesen, dann ein zweites und drittes Mal tiefgehender betrachtet. Danach fasst man die Hauptaussage innerlich zusammen. Um den Fokus zu wahren, empfiehlt er, pro Kapitel mindestens einen Vers intensiv zu verinnerlichen. Für ein „doppelt genähtes“ Vorgehen rät er dazu, den Text parallel zu lesen und als Hörbibel zu hören, sowie bei Bedarf Kommentare oder den Grundtext hinzuzuziehen.
- Ende: Die Lesezeit schließt mit Gebet, in dem man mit den Texten auf Gottes Reden antwortet und auch für andere betet.
3. Farbcode und Markierungssystem Um den Text aktiv zu durchdringen, nutzt und empfiehlt er ein spezifisches Farbsystem zum Anstreichen:
- Blau: Gottes Wesen und Handlungen
- Rot: Gottes Aufforderungen und Gebote
- Violett: Gottesfürchtige Reaktionen und Handlungen
- Braun: Sündige, gottlose Handlungen
- Orange: Wichtige Begriffe
- Grün: Innerbiblische Zitate Zusätzlich arbeitet er am Seitenrand mit Symbolen wie einem Fragezeichen für Unklarheiten, einem Ausrufezeichen für herausfordernde Stellen oder einem Pfeil für Umsetzungsideen.
4. Theologisches Lesen und gezielte Fragestellungen Hanniel warnt eindringlich vor einer rein leserorientierten „Was bringt mir das?“-Haltung, die den Text oft verkürzt. Die Bibel soll heilsgeschichtlich und systematisch gelesen werden.
- Die „Doppelfrage“: Nach jedem Text sollte man sich zwingend fragen: Was lerne ich über Gott? und Was lerne ich über den Menschen?.
- Die Heilsgeschichtliche Brille: Jeder Text soll in die „Große Geschichte“ eingeordnet werden. Man fragt sich: Wo steht der Text im großen Panorama von Schöpfung, Fall, Erlösung und Vollendung? Wie weist er auf Christus hin?.
- Sieben Fragen zur Anwendung: 1. Was ist die Aussage? 2. Was bedeutete sie für die ersten Adressaten? 3. Was lehrt sie über Gott? 4. Was über den Menschen? 5. Welche Erwartungen richtet der Text an mich? 6. Wie beeinflusst das meinen Umgang mit anderen? 7. Wie regt es mich zum Gebet an?.
5. Analytische Modelle für schwierige Stellen Anstatt abstoßende oder verwirrende Stellen zu umgehen, soll man sich diesen besonders zuwenden. Wenn Texte schwer greifbar sind, rät er dazu, große Geheimnisse in kleine Teile herunterzubrechen. Dazu nutzt er das Modell der „Bibel als Zwiebel“: Man analysiert den Begriff zunächst im Satz, dann den Satz in der Sinneinheit (Abschnitt), den Abschnitt im Buch, das Buch im Werk des Autors, im Testament und schlussendlich in der ganzen Bibel/Heilsgeschichte.
6. Erkenntnisse teilen Ein wesentlicher Teil seines Vorgehens ist es, die gelesenen Schätze nicht für sich zu behalten. Er empfiehlt ausdrücklich, die gewonnenen Einsichten mit dem Ehepartner, den Kindern, im Hauskreis, mit Arbeitskollegen oder Freunden zu teilen, um das Gelesene noch tiefer im eigenen Leben zu verankern.