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Über den Zusammenhang zwischen Weisheit und Wissenschaft

Es tut uns gut, uns die folgenden Überlegungen im Zeitalter des “Professionalismus” in Erinnerung zu rufen:

Bavinck bewegte verbrachte sein ganzes berufliches Leben im Dienste der Wissenschaft. Er wurde jedoch nicht müde zu betonen, dass das Leben der Wissenschaft vorausgeht. Das Leben enstammt nicht der Wissenschaft und kann auch nicht auf sie warten. Jeder Bereich, Familie und Gesellschaft, Arbeit und Freizeit, Landwirtschaft, Handel und Industrie behalten ihren eigenen Charakter bei. Jeder dieser Bereiche nützt wissenschaftliche Resultate. Die Weisheit des Lebens ist jedoch der eigentliche Ausgangspunkt für jede wissenschaftliche Forschung. Die Gelehrten sollten deshalb die Erkenntnisse von Erfahrung nicht verachten, sondern für deren Läuterung und Zuwachs sorgen.[1]

Welcher Art ist nun der Zusammenhang zwischen Weisheit und Wissenschaft? Zwar besteht ein offenkundiger Unterschied zwischen dem alltäglichen, durch Erfahrung gewonnenen, und dem wissenschaftlichen, durch gezieltes Vorgehen ermittelten Wissen. Aber diese Unterscheidung sollte uns nicht vergessen machen, dass eine enge Beziehung zwischen beiden besteht. Die Wissenschaft ist nichts anderes als eine Erweiterung und Bereicherung des Wissens, das bereits in der Familie und durch die Grundbildung gewonnen wurde.[2]  Wissenschaft muss sich deshalb dauernd durch praktische Erfahrung korrigieren lassen. Bavinck nennt als Beispiele das feine Gespür für Menschen, über das ein Anwalt verfügen muss; ebenso den Arzt, der nicht einfach aus der Höhe seiner Erkenntnis auf alltägliche Erfahrung herunterblicken kann.[3] Ein weiteres Beispiel ist das Erziehungshandeln von Eltern: Auch wenn diese nie ein pädagogisches Handbuch studiert haben, werden sie trotzdem durch Grundsätze von Religion und Moral geführt. Sie profitieren von einem reichen Wissen, das sie nicht nur durch die eigene tägliche Übung erwarben, sondern indem sie auf den Erfahrungsschatz vorhergehender Generationen zurückgriffen.[4]

Umgekehrt ist Weisheit auch auf Wissenschaft gegründet, aber sie bleibt bei ihr nicht stehen. „Sie strebt über die Wissenschaft hinaus und trachtet zu den primis principiis durchzudringen.“ Sie sucht die „leitenden Ideen“ aufzuspüren.[5] Die wahre Weisheit geht von dem christlichen Glauben aus. Es ist dieselbe göttliche Weisheit, die die Welt organisch zu einem Ganzen verbindet, und die in uns das Verlangen nach einer ‚einheitlichen‘ Weltanschauung legt.“[6]



[1] The Philosophy of Revelation,  Pos. 3027-3034

[2] Het Doctorenambt, S. 71

[3] Vgl. Christelijke wetenschap, S. 51

[4] Vgl. Paedagogische Beginselen, S. 17

[5] Christliche Weltanschauung, S. 35

[6] Ebd. S. 36.

Die Schöpfer-/Geschöpf-Unterscheidung

Vernon S. Poythress in seinem neuen Buch “Logic – A God-centered Approach to the Foundation of Western Thought”, S. 138:

The Bible teaches that God the Creator is distinct from the creatures he has made. This distinction is called the Creator-creature distinction. There are two levels of being, God and creature, rather than one. This two-level situation has implications for the use of terms in logic. Can we have one term, father, that applies both to God and to human creatures who are biological fathers? Clearly we …can. But God’s fatherhood and human fatherhood are not on the same level. So the relation between the two is one of analogy rather than strict identity. The introduction of analogy means that syllogistic reasoning will not necessarily be valid when applied to “fatherhood” as a general category. Similar results follow even if we talk about God as “creator,” because we also use the word creator in a looser sense for human creators. Henry Ford “created” the automobile assembly line. An artist “creates” a masterpiece. These acts of “creation” are “subcreations,” in contrast to the original act of God in creating the world. Thus the word creator can be used in at least two different ways. We might suppose that syllogistic logic would work with less difficulty if we used it only for a one-level situation. So logicians confront the temptation to pretend that reality has only one level. Or, to put it another way, a logician may imagine that he can subject all of reality to the requirement that we have terms without any built-in analogies. He attempts to view God and God’s creatures “from above,” from a superior point of view that can capture everything in one grand viewpoint. He hopes to make reasoning work in a uniform way over the whole field. He will have high-level labels that apply equally and uniformly to both Creator and creature. To do so, he tacitly makes himself superior to God. He has to be superior, in principle, if he is to control precisely the expressions that he will employ in order to determine what can be the case both with the Creator and the creature. He denies his creaturely status. He also denies the fundamental character of the Creator-creature distinction.

Weshalb wir uns für einen Minimal Lifestyle entschieden haben (4): Auf Kompensationshandlungen verzichten

Der römische Philosoph Seneca schrieb: “Glück ist die Fähigkeit zum Verzicht.” Cicero schrieb eine lange Unterredung, um zu widerlegen, dass Lust das höchste Gut ist. Wie ist das aus christlicher Sicht zu beurteilen? Sprach Jesus nicht davon, täglich das Kreuz auf sich zu nehmen und sich selbst zu verleugnen? Gebot er nicht, dem zu geben, der von dir borgen will? Der entscheidende Punkt ist: Gilt es zu verzichten um des Verzichts willen? Wird der Verzicht an sich zur Tugend erhoben, gleiten wir zu schnell in einen Moralismus ab. Nicht mehr das Werk von Jesus und seine Gnade stehen an oberster Stelle, sondern unsere Bereitschaft zu verzichten und unseren Geist und Körper unter Kontrolle zu halten. Meist ist dies verbunden mit dem intensiven Wunsch, uns mit anderen zu vergleichen und unser Selbstwertgefühl über diesen “Benchmark” zu steigern.

Jesus ist punkto Verzicht ein ideales Beispiel: Er erduldete das Kreuz nicht um des Kreuzes, sondern um der vor ihm liegenden Freude willen (Hebräer 12,2). Er wurde nicht arm um der Armut willen, sondern um uns reich zu machen (2. Korinther 8,9). Er entäusserte sich nicht um der Entäusserung willen, sondern um durch seinen Gehorsam seinen Vater zu ehren (Philipper 2,6-11). Wir stehen in der Gefahr den Verzicht zu sehr überzubetonen, anstatt vom übergeordneten Ziel her unsere Wünsche zu beurteilen.

Von diesen Grundsatzüberlegungen ausgehend wechseln wir in unseren Alltag. Wenn ich etwas konsumieren oder mir etwas anschaffen will, stelle ich mir die Frage: Was treibt mich dazu an? Was möchte ich kompensieren? Was wäre das passende “Original” der Freude in Jesus? Ich bin mir bewusst, dass mein Herz unergründlich erfinderisch darin ist, selbstsüchtige Wünsche vor mir selbst und anderen zu rechtfertigen. Wie wäre es, wenn wir hier und da die (oft kurz andauernde) Leere aushalten und um die Freude in Jesus bitten würden? Ich glaube, dass sich daraus eine befriedigende Gewohnheit entwickeln kann – befriedigend auch für unsere Nächsten.

Weltanschauung: Landkarte für die Handlungen eines Menschen

Albert M. Wolters charakterisiert den Begriff “Weltanschaung” in seinem Werk „Creation Regained: Biblical Basics for a Reformational Worldview“ wie folgt:

Es geht um Überzeugungen (beliefs) über alle möglichen Dinge (things), bei denen es möglich ist, einen Standpunkt einzunehmen. Diese Überzeugungen sind von reinen Gefühlen zu unterscheiden, weil ein kognitiver Anspruch damit verbunden ist. Es sind Grundüberzeugungen, die mit den letzten Fragen zu tun haben, mit denen wir als Menschen konfrontiert sind. Die einzelnen Überzeugungen hängen miteinander zusammen und bilden eine Art Rahmen bzw. Muster.

Es geht also um den Gesamtrahmen von Überzeugungen eines bestimmten Menschen. Jeder Mensch verfügt über einen solchen Denkrahmen, sei es bewusst oder unbewusst. In der Regel wird er dann sichtbar, wenn er zu einer bestimmten Frage Stellung nehmen muss. Die Weltanschauung funktioniert wie ein Kompass oder eine Landkarte. Dabei können sich einzelne Überzeugungen auch durchaus widersprechen, so wie auch ein Schiff durch einen Sturm zwischendurch von seiner Position abkommen kann. Es geht um die ausschlaggebenden Faktoren der Überzeugungen, welche bestimmte Handlungen veranlassen.

Wie ist die Beziehung zwischen Weltanschauung und Bibel? Die christliche Antwort darauf lautet: Unsere Weltanschauung muss durch die Bibel gestaltet und getestet werden. Die Christen sind aufgefordert, ihre Überzeugungen permanent mit der Bibel abzugleichen. Tun sie dies nicht, werden sie in der Regel die gerade aktuelle Überzeugung der säkularisierten Umgebung übernehmen.

Nun gibt es einen hohen gesellschaftlichen Druck, die Grundüberzeugungen auf Gebiete von Kirche, Theologie und privater Moral zu beschränken. Dies sind Bereiche, welche für Kultur und Gesellschaft praktisch irrelevant sind. Bei vielen Christen hat sich zudem die Meinung festgesetzt (als Teil ihrer inneren Landkarte), dass die Bibel nur am Rand mit säkularen Gebieten wie Politik, Kunst oder Wissenschaft zu tun hat. Die Bibel entwirft zwar eine Sicht auf Kirche und Gott, jedoch nicht auf die gesamte Welt. Damit werden diese Gebiete den säkularen Überzeugungen preisgegeben. Das Resultat: Christen haben keine überzeugenden Antworten mehr für die brennenden Fragen der Zeit.

Michael W. Goheen. Albert M. Wolters. Creation Regained: Biblical Basics for a Reformational Worldview. Eerdmans: Michigan 1995. S. 4-10.

Political Correctness als neue normative Ethik

Marguerite A. Peeters beschreibt im Aufsatz “Von Political Correctness zur neuen Ethik” (Hervorhebungen von mir) die Heranbildung einer neuen Ethik:

Man kann sagen, dass die Political Correctness als westliches Phänomen sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem weltweiten Phänomen einer neuen, normativen Ethik gewandelt hat. Diese Entwicklung beinhaltet eine Veränderung hin zu größerem Formalismus und zur moralisch „maßgeblichen Autorität“ des revolu­tionären Prozesses. Es stellt sich die Frage: Wie sieht der nächste Schritt in diesem [kulturrevolutionären] Prozess aus?

Schon in den 1980er-Jahren zeigte sich, dass die neue Ethik im Westen die Oberhand gewonnen hatte: Kultur und Politik richteten sich an ihrem Wertgefüge und ihren neuen Prioritäten aus. Zu ihren Kernwerten gehören: Inklusion (Dazugehörigkeit von Minderheiten), Wahlfreiheit, Gleichstellung, Frauenrechte, Umweltschutz, „Mitgefühl“, Solidarität, Rechenschaftspflicht und Transparenz, politische Teilhabe „von unten“ (von der Basis), Nichtdiskriminierung, Minderheitenrechte, Toleranz, „Neutralität“, „globale Werte“.

Die wichtigsten Paradigmen dabei sind Freiheit („zu wählen“) und Gleichheit (für Gruppen, die traditionell als „diskriminiert“ gelten, zum Beispiel Frauen, Kinder, Schwarze, Behinderte, Ureinwohner, sowie Randgruppen wie lesbisch, homosexuell oder bisexuell Lebende oder Menschen mit Transgender-Lebensstilen).

Im Gegenzug erhielten Begriffe wie Autorität, Wahrheit, Nächstenliebe, Sünde, Religionsfreiheit, Gut und Böse, Tradition, die Familie, Keuschheit, Komplementarität, Ewigkeit, Naturgesetz, Schöpfung, Mutterschaft, Vaterschaft, Ehemann, Ehefrau allmählich eine negative Bedeutung. Diese Worte sind heute aus den politischen und kulturellen Debatten des Westens einfach verschwunden. Sie vorwiegend zu gebrauchen – was bei allen gesellschaftlichen und sozialen Übereinkünften eigentlich der Fall sein sollte – gilt als „politisch inkorrekt“, als „gegen den Strom“. Die neue erzwungene Orthodoxie bringt viele dieser Begriffe vielmehr in Verbindung mit Fundamentalismus, Radikalismus, Obskurantismus, Intoleranz und Diskriminierung. Diese Begriffe gelten als Stereotype, die zu „dekonstruieren“, also aufzulösen sind. 

Genau an dem, was die neue Ethik beiseite schieben möchte, macht sie deutlich, was sie dekonstruieren möchte: Eine Offenheit für die Transzendenz – wobei besonders die jüdisch-christliche Tradition im Visier ist. Die neue Ethik ist säkularistisch, d.h. ausschließlich innerweltlich ausgerichtet. Sie nimmt eine Neuinterpretation universaler menschlicher Werte und gegenwärtiger menschlicher Hoffnungen und Sehnsüchte auf der Basis eines neuen, säkularistischen Rahmens vor. Sie verabsolutiert vor allem Freiheit und Gleichheit und löst diese von ihrer natürlichen Bindung an das Gesetz, das jedem Menschen ins Herz geschrieben ist. Freiheit wird zu einem Prozess der „Befreiung“ von diesem Gesetz. Freiheit wird zum Recht, tun zu können, was man will, selbst wenn es gegen das eigene Gewissen ist und gegen das, was dieses als wahr und gut erkannt hat. Gleichheit wird zu einem Prozess der „Dekonstruktion“ aller Unterschiede, die doch in die Lebenswirklichkeit eingeschrieben sind. Gleichheit ist zu einem Prinzip geworden, das in der Praxis vor allem für Minderheiten gilt, die den Freiheitsbegriff missbrauchen und „gleiche Rechte“ fordern und dabei den Unterschied zu Rechten, die sich an Wahrheit und Wirklichkeit orientieren, missachten. Diese Radikalisierung von Freiheit und Gleichheit geschah nicht über Nacht. Es war ein langer geschichtlicher Prozess, der bis zur Französischen Revolution zurückreicht.

Die Werte der postmodernen Ethik sind eine Reaktion auf missbräuchliche Strukturen und Haltungen der Neuzeit. Sie sind eine Reaktion auf Machismo (Männlichkeitswahn), Autoritarismus (autoritäres Verhalten, autoritäre Systeme), Kolonialismus, Hartherzigkeit, Ausgrenzung, Vernachlässigung der Umwelt, Ungleichheit. Doch die neuen Werte sind durch die radikale Agenda, die dahinter steht, schon beschädigt. Sie haben sich durchgesetzt, ohne auf Widerstand zu stoßen, und sich still und heimlich im kulturellen und politischen Mainstream etabliert.

VD: RK.

Lebensphasen, Lebenschancen

In den letzten Wochen führte ich mehrere Gespräche mit Menschen, die merken, dass sie in einem Lebensphasenwechsel stehen. Einige davon sind um die 50 Jahre alt. Sie verspüren das Bedürfnis, die eigenen Erfahrungen an eine neue Generation weiter zu geben. Nach dem Lebensphasenmodell von Erickson ist dies das zentrale Bedürfnis des mittleren Erwachsenenalters:

Das mittlere Erwachsenenalter  wird vom Motto bestimmt: «Ich bin, was ich bereit bin zu geben». Es geht darum Liebe in die Zukunft zu tragen, sich so zu engagieren, dass spätere Generationen davon profitieren können. Dazu gehören Engagement im Beruf, in der Familie, in der Gesellschaft. Gesund lebt in dieser Lebensphase, wer die Fähigkeit zur Fürsorge erlangt, ohne sich dabei selbst aus den Augen zu verlieren.

Hier geht es zu einer gut verständlichen Zusammenfassung des Modells.

Weiter kann ich das kurze Buch von Romano Guardini “Die Lebensalter – ihre ethische und pädagogische Bedeutung” empfehlen. Ich sehe zwei Übertreibungen: Entweder den Phasen voraus eilen zu wollen, viel häufiger jedoch das Verharren in einer früheren Lebensphase.

Ich leide (und wachse) unter den anti-intellektuellen Seitenhieben in der Kirche

Wie ich schon mehrfach geschrieben habe, leide ich als Denker oft unter dem Pragmatismus meiner christlichen Umgebung. Alles muss funktionieren; Gedankengebäude werden unbesehen übernommen, weil sie funktionieren. Dabei sind Denken und Handeln untrennbar miteinander verbunden. Gott hat uns als Einheit von Geist und Körper geschaffen. Das bedeutet, dass jede Handlung durch unseren Geist gesteuert und auch bewertet wird. Darum wehre ich mich gegen die unglücklichen Bezeichnungen „Theorie“ und „Praxis“, die wir ständig in den Mund nehmen. Wir stehen in einer ständigen Spannung. Entweder drücken wir uns durch den Vorwand des Denkens ums Handeln. Oder wir bewahren uns durch das ständige Handeln vor dem Be- und Überdenken dessen, was wir tun.

Der Humanismus der Antike – Ideal natürlicher Menschlichkeit?

Im (katholischen) Luzern habe ich gestern ein kleines Büchlein mit einer Auswahl von Seneca-Zitaten erstanden. Im Vorwort von 1946 (ein Jahr nach Ende des 2. Weltkrieges) ist da zu lesen:

Unser Zeitalter hat einen solchen Grad der Un-natur und Un-menschlichkeit erreicht, dass man nicht ohne seelischen Gewinn zum Idealbild natürlicher Menschlichkeit zurückkehrt, wie es edle Geister des Altertums in ihren Schriften schauten und erstrebten. Gewiss werden wir beim Humanimus der Antike nicht stehen bleiben. Aber da nun einmal die Gnade auf der Natur aufbaut, werden wir im Sinn eines ‘christlichen Humanismus’ immer wieder mit Nutzen aus der Erfahrungsweisheit der Alten schöpfen.

Und ein Zweites – Tertullian drückt es aus in seinem berühmten Wort, die Menschenseele sei von Natur aus christlich -: War nicht Christus in der ganzen vorchristlichen Welt, der heidnischen wie der jüdischen, im Kommen begriffen? Tatsächlich finden wir gerade bei den geistigen Schöpfungen der Antike immer wieder jenes seltsame Aufblitzen christlichen Gedankengutes, das uns heute, in einer Periode wachsenden modernen Heidentums, zugleich mahnend und tröstlich berührt.

Antike Erziehungsweisheit – ethische Unterweisungen aus Seneca. Rex-Verlag: Luzern 1946.

Klassische Erkenntnistheorie vs. Sozialer Konstruktivismus

Vor einigen Wochen habe ich bereits auf einen Aufsatz von Paul Boghossian zum Thema “Soziale Konstruktionen” hingewiesen. Ich bin daran, sein Buch “Fear of Knowledge” zu lesen. Es hat mich unwahrscheinlich beruhigt zu lesen, dass der New Yorker Philosophe

  • sich sehr lange mit dem Thema beschäftigen musste
  • gleich zu Beginn anmerkt, dass er sich mit Denkvoraussetzungen beschäftigt, die längst Allgemeingut, ja sogar den Status der Orthodoxie hätten
  • von einer Entfremdung zwischen der Analytischen Philosophie und vielen Zweigen der Geisteswissenschaften in dieser Thematik spricht

In einer der Philosophen eigenen Klarheit stellt er die Ansätze der Klassischen Erkenntnistheorie und des Sozialen Konstruktivismus gegenüber:

The Classical Picture of Knowledge:

Objectivism about Facts: The world which we seek to understand and know about is what it is largely independently of us and our beliefs about it. Even if thinking beings had never existed, the world would still have had many of the properties that it currently has.

Objectivism about Justification: Facts of the form—information E justifies belief B—are society-independent facts. In particular, whether or not some item of information justifies a given belief does not depend on the contingent needs and interests of any community.

Objectivism about Rational Explanation: Under the appropriate circumstances, our exposure to the evidence alone is capable of explaining why we believe what we believe.

Constructivism about Knowledge:

Constructivism about Facts: The world which we seek to understand and know about is not what it is independently of us and our social context; rather, all facts are socially constructed in a way that reflects our contingent needs and interests.

Constructivism about Justification: Facts of the form—information E justifies belief B—are not what they are independently of us and our social context; rather, all such facts are constructed in a way that reflects our contingent needs and interests.

Constructivism about Rational Explanation: It is never possible to explain why we believe what we believe solely on the basis of our exposure to the relevant evidence; our contingent needs and interests must also be invoked.

Wie können wir wissen?

Herman Bavinck beschreibt den Rationalismus und den Empirismus als die beiden klassischen wissenschaftlichen Schulen zur Gewinnung von Wissen und Erkenntnis.

Während der Rationalismus subjekt-orientiert ist, d. h. das Denken des Menschen zum Ausgangspunkt nimmt, geht der Empirismus vom Objekt der Erkenntnis aus. Der Rationalismus behauptet nur über Repräsentation Zugang zu den Dingen selbst zu haben, womit Gedanken als Realität angesehen werden. Der Empirismus meint dagegen, dass die sinnlichen Wahrnehmungen die Quelle der Erkenntnis seien.  Während bei der ersten Richtung das Innere des Menschen Ausgangspunkt der Erkenntnis ist, liegt bei der zweiten alle Bewusstheit ausserhalb des Menschen.

1. Subjektorientierter Erkenntnisgewinn

Bavinck formuliert folgende Einwände gegen den Rationalismus:

  • Er steht unserer Erfahrung entgegen. In der Praxis sind alle, die Rationalisten miteingeschlossen, Realisten.
  • Wir unterscheiden sehr wohl zwischen internen Zuständen und externen Dingen; zwischen dem, was in uns und ausserhalb von uns ist; zwischen Traum, Halluzination und Wirklichkeit.
  • So wie wir mit unseren eigenen Händen Nahrung und Kleidung zubereiten, indem wir Material ausserhalb von uns verarbeiten, so erhält auch unser Intellekt zahllose Impulse von aussen. Der Intellekt ist Instrument, nicht Quelle. Der Idealismus setzt aber Quelle und Instrument einander gleich.
  • Eine Sache taucht weder durch einen Traum auf, noch folgte sie in logischer Abfolge unseren inneren Eindrücken, sondern sie wird oft abrupt von aussen an uns herangetragen. Durch dieses Ereignis werden innere Überlegungen „über den Haufen geworfen“.
  • Abstrakte, inhaltslose Gedanken, das Absolute, die Existenz – allesamt Ausgangspunkte des Rationalismus/Idealismus – sind nicht in der Lage, den Reichtum und die Fülle des Bestehenden hervorzubringen. Das Leben kann nicht von steriler Abstraktion hergeleitet werden, die Vielfalt der Phänomene nicht von einem leblosen “Einen”.
  • Es wäre bizarr, das Beobachten einer Feuerflamme, ihre Form, Grösse, Bewegung für objektive Eigenschaften zu halten, ihre orange-rote Farbe und das Knistern der Flamme jedoch als nur subjektives Empfinden zu werten. 
  • Wie ein Telegraph eine Botschaft durch mechanische Vibrationen transportiert und von der Botschaft an sich unterschieden werden muss, so müssen die Stimuli, die vom Objekt ausgehen, vom Subjekt (der Botschaft) unterschieden werden.

2. Objektorientierter Erkenntnisgewinn: Empirismus

Dem Idealismus, welches das Subjekt der Erkenntnis betont, steht der Empirismus gegenüber, der Wert auf das Objekt der Erkenntnis legt. Erkenntnis ist nur dann vertrauenswürdig, wenn es aus „Material“, das sinnlicher Wahrnehmung entstammt, konstruiert ist. Konzepte ohne sinnliche Wahrnehmung sind leer und inhaltslos. Das bedeutet aber, dass unsere Erkenntnis auf das „dass“ und das „wie“ beschränkt ist. Das „was“ und das „warum“ bleiben verborgen. Bavinck denkt weiter:

Diese absolute Verbindung unseres Denkens mit der wahrnehmbaren Welt führt letztlich dazu, dass wir nicht nur den Inhalt unseres Denkens über die Welt, sondern unser ganzes Bewusstsein und das Denken selbst aus dieser erklärt werden muss. Wer dies zu Ende denkt, landet im Materialismus.

Bavinck bezieht mit diesen Einwänden gegen den Empirismus Stellung:

  • Das menschliche Denken ist nie vollkommen passiv oder empfangend, sondern immer mehr oder weniger aktiv. Selbst die einfachste Wahrnehmung und Repräsentation setzt Bewusstheit und Tätigkeit unseres Inneren voraus.
  • Wir sind nicht nur im Besitz von speziellen und zufällig anfallenden Wahrheiten, sondern auch von universellen und notwendigen (zum Beispiel im Gebiet der Logik oder der Mathematik). Diese können nicht einfach von der Erfahrung hergeleitet werden.
  • Beweise ruhen letztlich in einer Aussage, die keinen Beweis benötigt, die in sich selbst ruht. Kenntnisse von Phänomenen, Personen und Fakten haben deshalb vorbereitende Funktion. Der Analyse muss die Synthese folgen.
  • In jeder Wissenschaft spielen Erfindungen, Intuition, Vorstellungskraft sowie ein bestimmter Genius die wichtigste Rolle!
  • Die Welt der nicht-materiellen Dinge, die Welt der Werte, von Gut und Böse, Gesetz und Gewohnheiten, von Religion und Moral, von allem, was uns zu Liebe und Hass in uns anregt, das uns emporhebt oder uns betrübt, ist eine Realität jenseits der sichtbaren. Diese Welt ist in jedem Forschenden jederzeit präsent.
  • Die Folge der Annahme, dass die Beschäftigung mit der Wissenschaft subjektiv und objektiv beschränkt ist, führt dazu, dass Menschen ihre metaphysischen Bedürfnisse anderweitig abdecken. Kant nahm den Weg der praktischen Vernunft; Comte führte den Kult der Menschlichkeit ein, sich selbst als dessen Hohepriester. Und Spencer huldigte dem „Unerkennbaren“ (Unknownable).

Herman Bavinck, John Bolt, John Vriend. Reformed Dogmatics. Vol. 1. S. 207-222.

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