Tag Archives: Pädagogik

Immer grössere Konsumentenerwartungen an Lehrer und Schule

Norbert Bolz, Verfasser des von mir geschätzten “Das konsumistische Manifest”, äusserte sich hier zur Schulreform:

Als vierfacher Vater von schulpflichtigen Kinder glaube ich, das Problem der Schulen ist nicht das Curriculum, sondern völlig überforderte Lehrer, die sich immer häufiger in Krankheiten flüchten. Überfordert sind die Lehrer nicht vom Stoff, sondern von Eltern, die immer größere Konsumentenerwartungen an die Schule richten, und zum anderen von der Verwaltung, die den Lehrern ständig neue Reformprogramme aufdrückt und sie in irgendwelche Schulungen hetzt. Hier werden sie dann mit sogenannten „neuen Formen des Lernens“ konfrontiert, die ihren eigenen Erfahrungen widersprechen.  Das klassische Beispiel ist der Frontalunterricht. Alle Welt, die über Pädagogik nachdenkt, ist dagegen. Die wirklich guten Lehrer, verstehen die Diskussion überhaupt nicht und die Schüler bestätigen mir immer wieder, dass diese gruppenbasierten Alternativmodelle zu nichts führen. Ich wünschte mir manchmal mehr Feuerzangenbowle und weniger Brüsseler Reformideen.

VD: RK

Die Grenzen der Wissenschaft

Die Wissenschaft habe ihren Wert, wie es das 19. Jahrhundert mehr denn je bewiesen habe. Dennoch stehe es ihr an, Demut und Bescheidenheit zu lehren.

Es gibt Dinge im Himmel und auf Erden, die ihr zu hoch und zu wunderbar sind. Dazu gehören die Heiligkeit der Realität, die Unabhängigkeit der Familie, die göttliche Berufung, die allein die Eltern gegenüber ihren Kindern haben, und insbesondere auch das Geheimnis der Persönlichkeit.

Herman Bavinck, Nieuwe Opvoeding (106)

Das kurze Werk, das hier auf niederländisch verfügbar ist, ist deshalb so interessant, als sich Bavinck gegen Ende des Ersten Weltkriegs (1917) Gedanken über Wiederaufbau der Bildung macht. Es erinnert an Comenius, der den Dreissigjährigen Krieg erlebt und aus der Not Gedanken zur ganzen Breite des Bildungswesens macht (z. B. zu den Klassengrössen infolge Lehrermangels).

Bildung ist keine neutrale Zone

Bildung ist keine “neutrale Zone”, sondern hängt sehr eng mit unserer Welt und Überzeugungen zusammen. Sie ist mit der ganzen Person verbunden und von unseren religiösen und moralischen Überzeugungen bestimmt. Wie wir  über Gott und die Welt denken, über das Leben und die Geschichte, über die Herkunft, die Art und das Ziel
des Menschen … liefern die Grundsätze, von denen die Pädagogik abgeleitet ist.

Herman Bavinck, Paedagogische beginselen (18)

 

Das frühere Lehrer-Schüler-Verhältnis

In früherer Zeit ruhte alle Lehre auf den beiden Säulen Autorität und Frömmigkeit. Das Verhältnis von Lehrer und Schüler trug einen moralischen Charakter, sie war wie das eines Vaters zu seinem Sohn.Die erste Tugend, die das Kind zu lernen hatte, … war Gehorsam, Respekt und Ehrerbietung. Und diese Tugenden blieben dem Lernenden in seinem späteren Leben eigen.

Bavinck warnt angesicht der Euphorie der Reformpädagogik (1904). Die Reformpädagogen verachteten nicht nur die Vergangenheit, sie seien auch mit der Gegenwart höchst unzufrieden. Die Reform sei noch lange nicht radikal genug.

Nicht der Lehrer und nicht das Buch, nicht der Gegenstand, sondern das Kind ist Maß und Ziel der Erziehung. Das Kind ist die Majestät, vor der die Eltern und Lehrer sich zu beugen haben. Letztere haben keine Rechte, nur Pflichten.

Herman Bavinck, Paedagogische beginselen (1904), 120+122

P. S. Heute würde ich ähnliches zu behaupten wagen.

Intensive Liebe und Verbundenheit der Eltern kann durch keine Pädagogik ersetzt werden

Intensive Liebe und Verbundenheit der Eltern kann durch keine Pädagogik ersetzt werden. Eltern haben allen anderen Erziehern (opvoeders) voraus, dass sie ihren Kindern das Leben gegeben haben. Sie fühlen sich ihnen durch innige Liebe verbunden, sie haben sie um sich herum in ihrem kleinen Kreis als Mitglieder der gleichen Familie. Dies kann auch durch keine tiefgehende pädagogische Studie ersetzt werden. Das Herz gibt den Eltern oft vor, wie sie am besten für ihre Kinder körperlich und geistig sorgen können. Die tiefe Zuneigung wiegt oft den Mangel an sinnvollen Diskussionen auf, und wenn keiner mehr Rat weiss, kennt eine Mutter oft ein Weg zum Herzen ihres Kindes.

Herman Bavinck, Paedagogische beginselen (J. H. Kok: Kampen 1904), 15 – sinngemäss übersetzt

Geschichte der Verstaatlichung der Bildung

Die geringe Jahresbesoldung und die langen Ferien helfen einander, den Lehrer seinem Berufe zu entfremden. Da die jungen Lehrer ein volles Halbjahr freie Zeit haben, werden viele liederlich, ergeben sich (!) dem Wirthshausbesuch und dem Kartenspiel, die anderen werfen sich aufs Studiren und werden Sekundarlehrer etc.; die meisten werfen sich auf eine Nebenbeschäftigung: Viehzucht, Gemeindeschreiberei etc., um ihre Einnahmen zu vermehren. Gelingt dies, so wird häufig der Nebenerwerb zur Hauptsache und die Schule wird zur Nebensache. So werden die langen Ferien nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrer verderblich.

Dies ist ein Auszug aus einem 1889 der bernischen Regierung vorgelegten Bericht, der das Schulwesen des Kantons einer kritischen Analyse unterzieht und Reformmassnahmen vorschlägt. Der Professor für Historische Pädagogik, Jürgen Oelkers, hat anhand vieler Beispiele “Die allmähliche Verstaatlichung der Bildung” im 19. Jahrhundert beschrieben (Skript, S. 203-229).

Unterricht zu Hause (4): Falle “Idyllische Kindheit”

Wer den Schritt wagt und den zusätzlichen Aufwand zugunsten der Familie investiert, für den öffnen sich auch Fallgruben. Die Idealisierung der Kindheit ist aber nicht nur für Homeschooler-Eltern eine Gefahr, sie ist es für Eltern generell. Flitner fasst gut zusammen:

Alle Klassiker und Neuerer einer “Pädagogik vom Kinde aus” … können dem Einwand nicht entgehen, dass das Kind, das da zum Zentrum und zum Massstab der Erziehung gemacht werden soll, auch eine Wunschfigur der Erwachsenen ist. Die Reformpädagogik der klassischen Zeit war gekennzeichnet durch eine Überfrachtung des Kindes mit den eigenen Problemen der Erwachsenen, ihren Hoffnungen auf eine Besserung der Welt aus dem “Geiste der Kindheit”. Es sind Idealisierungen des Kindes, mit deren Hilfe die Erwachsenen sich selber und ihre Welt in Frage stellen; Projektionen also: die eigenen Wünsche und Hoffnungen werden auf die scheinbar weisse Leinwand der Kindheit projiziert. Wie aber soll eigentlich eine Gesellschaft besser werden, wenn die Erwachsenen sich der Illusion hingeben, der Neuanfang sei in erster Linie bei den Kindern möglich; er sei also nicht etwas, was sie für sich selbst, allenfalls zusammen mit ihren Kindern, leisten müssten? (Andreas Flitner. Reform der Erziehung. Beltz: Weinheim/Basel 2010 (4. Auflage), S. 48-49)

Rousas J. Rushdoony hat dieselbe Beobachtung in seinem Buch „Intellectual Schizophrenia“ mit dem aufklärerischen Paradigma verbunden und kommentiert. Er meint: Von John Locke und Jean-Jacques Rousseau her hat sich das Konzept des Geistes als leeres Blatt etabliert. Ein Kind wird in Unschuld geboren und Stück für Stück von seiner Umgebung verdorben. Was geschieht nun, wenn Eltern (und Lehrkräfte) von dieser Voraussetzung ausgehen? Der “Geist” eines Kindes wird durch diesen Interpretationsrahmen zu einem programmierbaren Bereich. Er ist mehrheitlich passiv und empfangend. Für Ausbildung und Erziehung hat dies einen doppelten Effekt: Der Ausbilder bekommt die Rolle eines Gottes (weil er das Blatt beschreibt). Er beliefert das Kind mit “kindgerechten” Häppchen. Und Ausbildung wird zum sozialen, ethischen und ökonomischen Problemlöser. Denn man muss ein Kind nur richtig programmieren. Doch entspricht dieses Denken der Realität? Nein.

Als Christ gehe ich davon aus, dass Gott Kinder und Erwachsene mit einzigartigen Gaben ausgestattet hat (sie sind in Gottes Ebenbild geschaffen), und dass gleichzeitig in jedem Menschen ein destruktives Potenzial schlummert (sie sind Sünder). Zu dieser Neigung zum Schlechten die Statements dreier berühmter Männer:

  • Wer wissen will, ob der Mensch (nur) gut ist, muss nur die Zeitung aufschlagen, meinte der berühmte US-amerikanische Ethiker Reinhold Niebuhr.
  • Und der greise Kirchenvater Augustinus schrieb, dass er nicht wisse, zu welchem Schlechten er am kommenden Tag fähig sei.
  • Der berühmte Schriftsteller G. K. Chesterton wurde gefragt: Was ist verkehrt an dieser Welt? Er schrieb kurz und mündig: Ich.

Dieses realistische Bild bedeutet für mich dreierlei:

  1. Die Schuldzuweisung an die Umgebung allein ist trügerisch. Die Schule als überforderte Institution, die Städte als nicht kinderfreundliche Umgebung, ausgebrannte Lehrkräfte und die permanente Versuchung reale Erlebnisse im Freien durch rein geistige Turnübungen am Computer zu ersetzen sind zwar Hinweise darauf, dass im System als Ganzes der Wurm steckt. Doch all diese Faktoren können letztlich nicht vom Hauptproblem ablenken: Uns selbst.
  2. Lernen in der Schwäche. Ich höre dauernd, dass die Stärken verstärkt werden sollen. Dem stimme ich zu. Die von Gott in ein Kind hineingelegten Fähigkeiten sollen nach Möglichkeit unterstützt und gefördert werden. Doch gleichzeitig gibt es auch ein Lernen in der Schwäche. Dort, wo mein Kind und ich nicht brillieren, dort bleiben wir dran. Dort entwickelt sich Charakter – Demut, Geduld, Hartnäckigkeit, Fleiss. Das sind alles Tugenden, von denen ein Kind ein Leben lang zehren wird.
  3. Das Bewusstsein, dass in Eltern und Kindern ein destruktives Potenzial schlummert, das immer wieder zum Tragen kommt, führt zu Jesus. Denn wer sich nie seiner eigenen Unzulänglichkeit und Fehlbarkeit richtig bewusst geworden ist, kann auch nicht nachvollziehen, warum er Christus braucht. Das Angebot für Eltern und Kinder zu Christus zu kommen, ist genial. Sie dürfen ihre eigene Ungerechtigkeit gegen die göttliche Gerechtigkeit eintauschen – ohne Verdienst und umsonst. Der Glaube ist, so Martin Luther, ein fröhlicher Tausch.

Unsere Selbstgerechtigkeit tauschen wir mit der geschenkten Gerechtigkeit Gottes. Gott nimmt unsere Schuld und vergibt uns diese in Jesus Christus. Er hat sie an meiner Stelle mit seinem Leben bezahlt. Als Tausch schenkt er mit Seine Gerechtigkeit als Kleid, um unsere Blösse zu bedecken. Die Gerechtigkeit Gottes bedeckt mich vor meinen eigenen und anderen kritischen Augen. Mit diesem Mantel der Gerechtigkeit bedeckt und von Gott als gerecht bezeichnet, sind wir Menschen nicht mehr „bloss gestellt”. Wir brauchen die bis jetzt benutzten Feigenblätter der Selbstrechtfertigung nicht mehr, weil wir eine bessere Bedeckung erhalten haben. So haben wir Freiraum, mehr zu lieben und weniger darauf bedacht zu sein, keine Blösse mehr zeigen zu müssen. (Beat Tanner, Ehe- und Familientherapeut)

Wenn wir testen

Alles ist standardisiert, wir testen bis zum Umfallen. Doug Wilson (in “The Case for Classical Christian Education”) erinnert uns, dass wir stets Vorsicht walten lassen müssen – denn die Testenden sind selbst begrenzt und sündig:

When we evaluate, we must do so in light of our own deficiencies.

Freude an sich selbst oder an der Arbeit?

The entertainment model of education wants the students to enjoy themselves; the older classical model wants students to be disciplined so that they come to enjoy their work.

Doug Wilson, The Case for Classical Christian Education (155).

Wenn vor lauter Technologie die Pflicht des Zuhörens vergessen geht

Wer über die Chancen und Möglichkeiten elektronischer Medien im Lernprozess liest, reibt sich manchmal verwundert die Augen: Was sich dadurch alles verändern sollte! Quentin Schultze stellt in seinem Aufsatz Faith, Education and Communication Technology“ zu Recht fest:

This semi-utopian rhetoric of the technological sublime, however, is founded primarily on enhanced transmission rather than understanding or even reception. Educators, for instance, tend to spend considerable sums on providing access to digital networks and presentational technologies, but invest few resources in instructing teachers and students how to communicate well.

Damit trifft Schultze aus meiner Sicht den Nagel auf den Kopf: Die Zeit, welche die Auswahl von Inhalten im Netz verschlingt, ist enorm. Wir werden zu Informations-Saugern, lernen dabei aber nicht die bitternötige Kunst des Beurteilens von Information.

Weiter bleibt das Zuhören oft auf der Strecke.

Listening is the primary way that human beings practice obedience to someone or to a particular idea, theory or immediate need.

Genau diese Tugend des Zuhörens ist für Lehrende Pflicht, keine Kür.

Teaching is among the most communication-intensive, obediencedemanding professions.

Der massive Einsatz von Technologie birgt die Gefahr in sich, Zuhörer-arme Gewohnheiten zu etablieren.

Siehe auch Michael Hortons Anstösse zum Thema Glauben ist hören und Thomas K. Johnsons Beitrag Informationen sammeln oder vorhandenes Wissen beurteilen?

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