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Wir können Sünde nicht mehr mit unserem Alltag in Zusammenhang bringen

Ich bin daran, einen längeren Text zum Thema “Lernen und Sünde” für die Veröffentlichung zu überarbeiten. Hier der Einstieg:

Ich bekenne, Herr, und sage Dank, dass Du in mir dieses Dein Bild erschaffen hast, auf dass ich, Deiner eingedenk, Dich denke, Dich liebe. Aber so sehr ist es durch das nagende Laster zerstört, so sehr durch den Rauch der Sünden geschwärzt, dass es nicht bewirken kann, wozu es gemacht ist, wenn Du es nicht wieder neu machst, und wieder herstellst. (Anselm von Canterbury)

Der Mensch ist nicht nur Subjekt der Sünde, sondern auch Objekt; weil die Sünde ihn in der Hand hat, hat er es nicht in der Hand, sich von ihr zu befreien, muss er allein durch die Gnade von ihr befreit werden. … Die Gnade kann nur radikal verstanden werden, wenn auch die Sünde radikal verstanden wird. (Horst Georg Pöhlmann)

Wer im Kreuze Jesu die tiefste Gottlosigkeit aller Menschen und des eignen Herzens erkannt hat, dem ist keine Sünde mehr fremd. (Dietrich Bonhoeffer)

Niemand ist einem anderen so gut bekannt wie sich selbst; und dennoch kennt sich niemand selbst so gut, dass er sich seines Verhaltens am folgenden Tage sicher wäre. (Aurelius Augustinus)

Als ich einem Studienkollegen davon erzählte, dass ich untersuche, welche Auswirkungen es auf den Lernprozess hätte, wenn die Ursprungssünde  geleugnet wird, erntete ich einen verständnislosen Blick. Das Befremden und die Stille, die in jenem Moment auf dem Bordstein von Scotts Valley, Kalifornien,  entstand, werde ich nicht vergessen. Dass ein Zusammenhang zwischen Sünde und Lernen besteht, und dazu noch ein sehr gewichtiger, darüber habe zumindest in den frommen Kreisen, in denen ich mich bewege, noch nie etwas gehört.

Wenn ich etwas von Sünde höre, dann eher im Sinn von „Fehler“. Damit ist aber gleich die Entschuldbarkeit verknüpft, denn gut und förderlich ist ja, wie wir in Westeuropa alle wissen, eine „Fehlerkultur“. Als ich in meiner Kirchgemeinde eine Predigt über „Sünde“ hielt, notierte ich auf einem Flipchart die Begriffe, die das Alte Testament für „Sünde“ gebraucht. Sie zeigen auf, wie ernst Gott diese nimmt. Da ist die Rede von Schuldverpflichtung, Verfehlung, Entweihung, Gewalttat und Unrecht, Treuebruch und Abfall, Widerspenstigkeit, Abweichen vom Weg, Frevel und Vergehen, Halsstarrigkeit, Bosheit und Gottlosigkeit. Wenn wir eine solche Aufzählung vor unseren Augen vorbeiziehen lassen, taucht eine zweite Assoziation fast zwangsläufig auf: Mit Sünde verbinden wir eine Tat und kein Sein. Es geht um Verhalten, nicht um einen Zustand.

Als ich meiner Mutter von meinen Untersuchungen erzählte, fragte sie mich: „Warum sprichst du von Ursprungssünde?“ Dieser Ausdruck ist uns in der Tat nicht geläufig. Noch eher sind wir mit dem Begriff Erbsünde vertraut. Diese Ausdrucksweise hat im allerdings im Lauf der Kirchengeschichte eine problematische Färbung bekommen: Er suggeriert, dass Sünde durch die Zeugung weitergegeben wird. Dieses Denken führte u. a. dazu, dass der Zeugungsakt an sich in ein schiefes Licht geriet.

Neben dieser historischen Hypothek gibt es eine aktuelle Assoziation von „Erbsünde“, die von der eigentlichen Bedeutung wegführt. Helmut Thielicke arbeitet sehr klar heraus, dass die Vorstellung von Erbsünde als Erbkrankheit Schuld schnell in Schicksal umdeutet:

Der Begriff “Erb-”Sünde ist freilich insofern fatal, als er abwegige Assoziationen auslöst: Er lässt das Missverständnis aufkommen, als ob es hier um genealogisch bestimmte Vorgänge im Sinne einer vererbten Krankheit gehe. Damit aber wäre das, was der Begriff meint, gerade in seiner Pointe verfehlt. Ebenso wie eine Erbkrankheit ein Verhängnis ist, das mich von aussen, von meinen Vorfahren trifft, an dem ich also ganz unschuldig bin, würde auch die Erbsünde aus einer Schuld in Schicksal verwandelt und ins Ausserpersönliche abgeschoben.(Hervorhebung von mir) Doch weil gerade das eben nicht gemeint ist, sollte man lieber die lateinische Vorlage des Begriffs, peccatum originale, Ursünde, als Bezeichnung wählen. In diesem Sinne meint das Wort einen Schuldzusammenhang, in dem ich mich immer schon vorfinde. (Hervorhebung von mir) Es meint Prozesse, in die ich mich verwickelt sehe, die ich aber gleichwohl so mitvollziehe, dass ich mich nicht von ihnen als einem artfremden Andern distanzieren kann, sondern dass ich sie als Subjekt verantworten und von ihnen sagen muss: mea culpa, meine Schuld.

Ich verwende konsequent den Ausdruck „Ursprungssünde“, weil er einerseits auf den Ursprung der Menschheit und andererseits auf die Quelle der Tatsünden zurückverweist. Mit Ursprungssünde meine ich die Verderbnis, die durch Adam das ganze Menschengeschlecht betroffen hat. Paulus setzt im Schlüsseltext Römer 5,12-21 unsere Schuld in direkte Beziehung zur Ursprungssünde:

Darum, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hingelangt ist, weil sie alle gesündigt haben… (Römer 5,12 Schlachter 2000)

Warum mir Nehemia immer wieder in den Sinn kommt

In einem Vortrag vor Homeschoolern zog ich letzthin die Parallele zwischen Nehemias Leben und der täglichen Arbeit in unseren Familien:

Mir kommt immer wieder Nehemia in den Sinn. Durch den erschütternden Bericht aus seiner Heimat verliess der hohe Beamte am persischen Hof seine Stellung und kehrte in seine Heimat zurück, um die Mauern Jerusalems wieder aufzubauen. Ein mühsames Unterfangen, das ihn Tag und Nacht arbeiten liess. Zeitweise konnte er nachts nicht einmal seine Kleider ablegen. Ich sehe unseren Auftrag ähnlich: Mitten unter der Apathie der Christen in unserem Land verrichten wir Tag für Tag Schwerarbeit. Wir müssen Bildung neu denken und sie wieder ihrer Bestimmung zuführen. Es gibt keinen Quadratzentimeter unseres Lebens, über dem Jesus Christus nicht Herr wäre. Den Glauben „nur“ in einen privaten Raum zu verbannen, wäre uns zu wenig.

Darüber dürfen wir aber wie Nehemia die innere Front nicht vergessen. Zu aller Arbeit, die Nehemia mit der Waffe in der Hand verrichtete, gesellten sich innere Probleme. Das ist nachzulesen in Nehemia 5. Da gab es Intrigen und finanzielle Unregelmässigkeiten. Das gleiche spielt sich in unseren Familien ab: Wir sind eine Gemeinschaft von begnadigten Sündern. Wir haben Anteil an Gottes neuer Schöpfung, und gleichzeitig bleibt die Sünde in uns. Es geht uns nicht anders wie Paulus, der den Kampf um die „in mir wohnende Sünde“ täglich spürte.

Serie “Essentials des christlichen Glaubens”: Die Bibel und der dreieine Gott

Ich spreche morgen Abend hier zu den Themen:

  1. Wie wörtlich soll ich die Bibel nehmen?
  2. Was die Trinität mit meinem Alltag zu tun hat

Kurzfristig Entschlossene sind herzlich willkommen!

Marke von 1500 Beiträgen überschritten: Eine Auswahl zum Thema “Vater”

Das Geheimnis für vieles lautet: Tue es täglich. Nicht umsonst hat Gott den Tagesrhythmus geschaffen. So habe ich seit 2010 über 1500 Beiträge erfasst.

Zu verschiedenen Themen hat sich seither einiges an Material angesammelt. Zum Thema “Vater” gibt es bis heute ca. 150 Impulse. Hier eine Auswahl:

  1. Mein Grundverständnis: Der Vater als leitender Diener der Familie 
  2. Sieben Learnings im Tagesablauf mit Kindern – hier geht es zum ersten.
  3. Ein Vater überlegt sich, warum wir unsere Kinder „pushen“ und uns trotzdem mit zu wenig zufrieden geben
  4. Ted Tripp erzählt anhand des eigenen Beispiel vom Erziehen als „freudige Unmöglichkeit.“
  5. Achtung: Wenn Familienleben und geistlicher Dienst auseinander laufen
  6. Als Eltern (und Vater) tief durchatmen

{Vortrag} Knackpunkt Kirche: Warum nicht einfach selber glauben?

Am 28. Februar werde ich an der Bibelgruppe für Studierende von Uni/ETH Zürich zum Thema “Knackpunkt Kirche: Warum nicht einfach selber glauben?” sprechen. Wenn du interessiert bist, komm vorbei (Ortbeschreibung hier)!

Für den Anlass habe ich eine kleine Literaturliste zusammengestellt:

Interview: Ich konsumiere, also bin ich glücklich? (Teil 2)

Zum ersten Teil des Interviews geht es hier.

Wie bist du in der Analyse des Konsumthemas vorgegangen?

Ich war erst einmal überrascht von den vielen Buchtiteln zum Thema. Eine umfassende Kritik unserer Konsumgesellschaft ist längst geschrieben. Ich bin also exemplarisch vorgegangen: Norbert Bolz ist Medien- und Kommunikationstheoretiker, Mathias Biswanger Volkswirt; beide Bücher stammen aus dem 21. Jahrhundert. David G. Myers ist Sozialpsychologe, Viktor Frankl Arzt und Psychologe aus dem 20. Jahrhundert. Francis Schaeffer war ein führender evangelikaler Denker aus dem 20. Jahrhundert, Blaise Pascal ein Universalgelehrter aus dem 17. Jahrhundert. David und Brett Harris sind beide Mitte Zwanzig und haben eine weltweite Bewegung von jungen Erwachsenen „The Rebelutionaries“ ins Leben gerufen.

Was kann ein Denker aus dem 17. Jahrhundert zum Thema beisteuern?

Ich sprach vor einigen Wochen mit einer Künstlerin, die zum Thema „Langeweile“ malt. Sie fragte mich nach schriftlichen Inspirationsquellen. Mir kam sofort Blaise Pascal in den Sinn. Pascal beschreibt in seinen Fragmenten das Streben des Menschen nach Glück. Geprägt von der biblischen Weltanschauung gibt er zu bedenken: Durch die Sünde ist der Mensch sich selbst entfremdet und seines ursprünglichen Glückes verlustig gegangen. Einzig die Sehnsucht danach ist ihm geblieben und erinnert ihn an sein ursprüngliches Glück. Langeweile ist ein Ausdruck der Spannung zwischen Sehnsucht und ausstehender Erfüllung. Konsumismus ist also ein Symptom für die Jagd des Menschen nach Glück.

Wie würdest du diese Jagd beschreiben?

Hier ist Norbert Bolz eindrücklich, auch wenn er sich eines deutschen Feuilleton-Stils bedient. Er beschreibt Konsumismus als Ersatzreligion. Die „kapitalistische Religion“ ist ein Kult der Ware. Alltägliche Waren werden mit „spirituellem Mehrwert“ aufgeladen. Geld ist technischer Ersatz für Gott. Da Geld den einzigen Sinn habe ausgegeben zu werden, stosse sie im Konsumenten „Dauerreflexion auf Konsummöglichkeiten“ an. Bolz gewinnt der Jagd einen positiven Aspekt ab: Die Habsucht zähme andere Leidenschaften.

Bist du auch der Meinung, dass Konsumismus eine legitime Ersatzreligion ist?

Ersatzreligion ja, legitim nein.  Wenn ich die Gedankengänge von Bolz auf den Mini-Marktplatz der Familie übertrage, sehe ich zwei Parallelen. Erstens: Konsum harmonisiert Familienbeziehungen, zumindest lenkt sie ab. Viele Überlegungen der einzelnen Familienglieder sind auf die Frage gerichtet: Was kann ich als nächstes konsumieren? Zweitens: Erlebnisse stimulieren, sie sind Ausweg aus der Langeweile. Darunter leiden langfristig die Beziehungen.

Ich denke jetzt an den Samstags-Shopping-Ausflug einer Kleinfamilie.

Das Bild passt. Bolz sagt: Shopping ist Lifestyle. Die Lust des Neuen hängt am Kaufakt, nicht am Besitz. „Konsum ist die rituelle Handlung, die aus allgemeinen Waren das individuelle Wahre schafft.“ Der Konsument betreibt ständig „Self-fashioning“. Sein Leben wird zum Stoff eines Kunstwerks. Der Wunsch nach einem Wunsch hat den eigentlichen Wunsch ersetzt. Der Konsument will verführt werden.

Entstehen dadurch langfristig nicht auch Sinnkrisen?

Doch. Genau dies beschreibt Viktor E. Frankl. Er berichtet von einem Studenten der von sich selber sagte, dass er mehr hat, als er verkraften kann – auf jeder Ebene, sich aber umso mehr mit der Frage konfrontiert sah: Wozu das alles? Die gleiche Sinnkrise ortet Frankl auch bei Arbeitslosen und bei Pensionierten. Frankl sagt darum: Der Mensch braucht Spannung, er braucht Verantwortung. Sein Sein ist im Wesentlichen ein verantwortliches Sein. 

Wie kann es dann zu einer Veränderung kommen?

Das Buch „Die Tretmühlen des Glücks“ hat meiner Frau und mir hilfreiche Anstösse zum Überdenken des eigenen Familien-Lebensstils gegeben, zum Beispiel:

  • Menschen sind dann glücklich, wenn sie mit anderen Menschen zusammen sein können. Ist das für uns eine Priorität?
  • Den klassischen Traum vom Eigenheim haben wir für uns beerdigt. Ebenso vom Familienvan. (Mit solchen Anschaffungen sorgen viele Familien dafür, dass ihre Ansprüche steigen, die Pendlerzeiten zunehmen und ein höheres Einkommen gesichert werden muss.)
  • Menschen mit hohem Einkommen haben weniger Freizeit und damit auch weniger Zeit, das zu tun, was Menschen glücklich macht. Es kann also kein Ansporn sein, noch mehr zu verdienen.
  • Auch unter Familien ist die “Ranking-Manie” spürbar: Es reicht nicht mehr aus, irgendetwas zu tun, sondern man muss immer auch wissen, wie gut man es im Vergleich zu anderen tut. Diesen ständigen Vergleich können wir uns getrost sparen.

Also bedeutet weniger Material auch weniger Termin- und Erwerbsdruck und damit mehr Zeit füreinander?

Ja. Entscheidend für nachhaltiges Wohlbefinden ist Aktion, nicht Konsumation, Gemeinschaft, nicht der Erwerb neuer Güter.

Was ist der Preis eines solchen Lebensstils?

Es bedeutet, dass an unseren gelebten Haupt-Werten „Wohlstand“ und „persönlicher Friede“ gerüttelt wird. Wir begehren nach immer mehr, und wir wollen in Ruhe gelassen werden. Diesen Pfad müssen wir verlassen.

Du bist begeistert von der Bewegung „The Rebelutionaries“. Sie haben in den Teenager-Jahren bereits den Weg verlassen. Der Titel ihres Buches lautet „Do Hard Things“. Welche harten Dinge sind da gemeint?

Die Gebrüder Harris haben mich vor allem deshalb beeindruckt, weil sie das westliche Paradigma „als Teenager musst du in den Ausgang gehen über die Schnüre hauen, dann wirst du glücklich“ über den Haufen geworfen haben. Ihre Message lautet: Tue gerade in dieser Zeit, schwierige Dinge! Sie definieren fünf Übungsfelder.

  • Tu Dinge, die ausserhalb deiner Komfortzone liegen.
  • Tu Dinge, die über das hinausgehen, was von dir erwartet wird.
  • Tu Dinge, die du nicht allein machen kannst.
  • Tu Dinge, die sich nicht sofort auszahlen.
  • Tu Dinge, auch wenn sie gegen die Strömung gehen.

Jahresstart-Workshop: Ein Gang durch die Zehn Gebote

Mit „Geboten“ verknüpfen wir verschiedene negative Vorstellungen: Unnötige Einschränkungen, griesgrämige Gesichter, Erbsenzähler, Lustdämpfer und Freud-Vermieser. Die Absicht der Zehn Gebote ist eine ganz andere: Der Gott, der sein Volk erlöst hat, gab ihnen ein geniales Grundgesetz, das ihre Beziehungen zu ihm und zu einander regelt.

„Zum Wesentlichen eines Bildes gehört der Rahmen.“ (G. K. Chesterton) Gottes Gebote markieren den schützenden Rahmen, in denen sich unser Leben entfalten kann. Die Formulierungen lauten nicht „du musst, du musst, du musst“, sondern „du sollst nicht“. So wird durch das siebte Gebot „du sollst nicht ehebrechen“ der wichtige Schutzraum für das Wachsen und Gedeihen einer Familie aufrecht gehalten.

Wenn wir einige Jahrhunderte früher gelebt hätten, wären uns die Zehn Gebote sehr geläufig. Wir hätten sie im Katechismusunterricht inklusive Kommentar auswendig gelernt. Leider ist uns diese gute Tradition abhanden gekommen. Inspiriert von diesen Werken habe ich im Rahmen eines Seminarabends versucht, die Zehn Gebote auf unser Leben anzuwenden.

Hier habe ich die Unterlagen angehängt.

Interview: Ich konsumiere, also bin ich glücklich? (Teil 1)

In den vergangenen zwei Jahren habe ich intensiv über das Thema “Familie und Konsum” nachgedacht. In Form eines Interviews ziehe ich ein Fazit.

Was hat dich angeregt, über dieses Thema nachzudenken?

Auslöser für die ausführliche Beschäftigung war mein Professor, der meine Masterarbeit in Theologie betreute. Er schickte mir die erste Fassung mit dem Gesamtkommentar zurück, dass sie eine Menge guter Hinweise enthalte, die jedoch eher Bestandteil des Anhangs wären. Ich solle diese Erläuterungen doch separat aufgreifen und ein kleines Buch daraus machen. Das habe ich dann umgesetzt.

Ich kann mich an eine Situation erinnern, als wir als Familie von einem Sonntagsausflug zurück kehrten. Gegen Abend hatten wir uns in das Getümmel eines Grossanlasses gewagt. Nach einer guten Stunde “Sehen und staunen” fuhren wir im überfüllten Tram heimwärts. Neben mir sass ein Junge mit einem Motorrad aus Plastik. Strahlend betätigt er im Drei-Sekundentakt die Taste: Es blinkt und tutet. Der Vater (der ihm das Ding eben gekauft hatte) seufzte. Ich dachte: Wie lange wird die Batterie halten? Wo wird das Ding am nächsten Tag liegen?

Ich begann, meine Überlegungen zum Thema Elternschaft mit dem Thema „Konsum“ zu verknüpfen. Ich schickte eine Skizze über eine mögliche Abhandlung meinem Professor, der mich ermutigte, mit dem Schreiben anzufangen.

Ist es nicht schwierig über ein Thema zu schreiben, in dem Mann selbst drin steckt?

Doch, das ist es; es hat jedoch auch Vorteile: Ich schreibe nicht mit der analytischen Distanz eines Beobachters, sondern mit der suchenden Nähe eines Betroffenen. Die Auseinandersetzung bekommt so eine existenzielle Ausrichtung.

Was meinst du mit „existenziell“?

Seit einigen Jahren bin ich geforderter Vater von fünf Söhnen. Mit einem Seufzen gestehe ich: Die Fülle der Angebote überwältigt mich. Angefangen bei den Spielsachen, weiter gegangen zur Vielfalt an Lebensmitteln, ebenso an Freizeitprogrammen und – last but not least – an medialen Konserven. Bei uns zu Hause gibt es Bücher, Kinderkassetten, CD’s, Lernprogramme und Videos.

Ich bin platt vor der schieren Unendlichkeit der Möglichkeiten, dauernd beschäftigt mit einer sinnvollen Auswahl, ge- und oft überfordert mit der Abstimmung von hehren Werten, konkreten Erziehungszielen und einem stets gefüllten Terminkalender. Darum: Das Thema geht mir an die Substanz, oder anders ausgedrückt: Es geht um meine Existenz.

Dann hast du eine spezielle Site eingerichtet und über das Thema gebloggt.

Ich dachte mir: Das Setting eines tagebuchartigen Blogs wird mir die Auseinandersetzung mit dem Thema erleichtern. Entlang meines Leitfadens sind so über 150 Beiträge entstanden.

In einem ersten Teil  beschäftigte ich mich intensiv mit unseren Denkgrundlagen. Dazu gehören zuerst die beiden Grundfragen: Weshalb wollen wir überhaupt eine Familie gründen? Und: Welche Bilder des Kindes prägen uns? Dann analysierte ich das Konsumverhalten innerhalb unserer Familien anhand der Diagnosen von sieben Denkern. Verlasse nie den Ort einer Erkenntnis ohne eine konkrete Tat. Deshalb beschäftigte ich mich im dritten Teil mit (selbst angewendeten) Ansätzen, die mein Familienleben entschlacken und stärken.

Wie würdest du die Lage heutiger Eltern in der Schweiz beschreiben?

Ich kann es nicht besser beschreiben als der Kinderpsychiater Wolfgang Bergmann. Er schreibt zur westeuropäischen Kleinfamilie:

Es sind zwei hoch individualisierte – jedoch in ihrer Individualisierung instabile, anfällige – Ichs, die da als Partner zusammenfinden, nur sich selber und ihre Bedürftigkeiten. Kein übergeordneter Rahmen der Tradition, kein verinnerlichtes Familienethos und kaum eine soziale Kontrolle stabilisiert ihre Beziehung. Wenig oder nichts ist von dem geblieben, was für frühere Generationen zwar enge normative, aber in Konflikten eben auch stabilisierende Bezüge einbrachte.

Die moderne Familie ist ein Arrangement zur wechselseitigen Befriedigung von Bedürfnissen, die einen prinzipiell egozentrierten Charakter haben. Wird mein Partner meiner Ich-Bedürftigkeit nicht gerecht, dann gibt es eigentlich gar keinen Grund, mit ihm zusammen zu bleiben. Frauen beschwören gern ihr “Bauch-Gefühl” und betreiben eine Trennung aktiver, Männer verharren eher in einer mürrischen Trägheit oder entfernen sich innerlich aus der Familie, ohne sie formal ganz zu verlassen. Freiheit, Weite und unaufhörliche Intensität fordert der ich-bezogene Anteil des modernen Charakters. Zugleich verlangt es ihn nach Heimat und Treue, einen verlässlichen Ort, indem man auch Schwäche zeigen darf. Beides sucht er in einer Familie – eine extrem zugespitzte, emotional dichte und fragile Konstruktion.

Diese Anfälligkeit ist modernen jungen Ehepartnern auch gegenwärtig, bewusst oder beinahe bewusst. Die Folge: Familie darf keine Sekunde in Frage gestellt werden, bei jedem Konflikt hat ja der Bestand von Ehe und Familie insgesamt auf dem Spiel. Also wird, wie ein Schutzwall, aus der Bedürfnisgemeinschaft zugleich eine Harmoniegemeinschaft. Das auf seine jeweiligen Gefühlzustände ungehemmt und zugleich hochempfindsam reagierende Ich erträgt Konflikte schlecht. Harmonie um fast jeden Preis – so lautet die Bewältigungsformel, auf die sich viele Familien insgeheim verständigen. Aber fortwährende Harmonie gibt es nicht. Die moderne Kleinfamilie ist ein seelisch explosiver Ort.  (Aus: Wolfgang Bergmann. Computersüchtig. Beltz: Weinheim und Basel 2009.)

Bringe diese Aussagen noch auf eine konkretere Ebene.

Ja, vielleicht ist das noch besser. Ich beschränke mich auf zwei Symptome: Viel Material und eine hohe künstliche Erlebnisdichte.

  • (Zu) viel Material: Wenn ich heute auf die Online-Marktplätze gehe und nach Material suche, so werde ich beinahe erdrückt vom Angebot. So erstanden wir online 14,2 kg Lego für 150 Franken. Wohl gemerkt: Fast alles Spezialteile, von der Marsstation über Star Wars-Krieger bis zum Tieflader war alles dabei – in Einzelteilen. Der etwas zwölfjährige Junge wollte unbedingt ein neues Bike kaufen und brauchte Bares. Ich kann mich nicht erinnern, als Kind jemals so viel Lego auf einem Haufen gesehen zu haben.
  • (Zu) hohe Erlebnisdichte: Ein durchschnittliches Schweizer Kind sieht rund zwei Stunden täglich fern. Diese Werte sind im europäischen und amerikanischen Vergleich noch heilig. Dazu kommt (je länger je mehr) der Aufenthalt in virtuellen Räumen hinzu: Spielen, Chaträumen etc. Letzthin las ich die Meldung, dass in den Staaten bereits Zwei- bis Vierjährige regelmässigen Zugang zu einem Handy haben. Diese Flut an Signalen verändert doch den inneren Bezugsrahmen eines Kindes.

Was kommt im Gegenzug zu kurz?

Die Beziehungen leiden darunter: Die Beziehungen von Eltern zu Kindern und der Kinder untereinander. Bei einem Teil der Kinder kommt akuter Bewegungsmangel dazu. Wenn ich in meine Umgebung blicke stelle ich fest: Es bleibt

  • zu wenig Zeit für die Ehe: Die Ehepartner geben einander die Türklinken in die Hand. Beide arbeiten, betreuen Kinder, pflegen ihren Freundeskreis, machen Weiterbildungen. Wie eine Beziehung so längerfristig überlebensfähig bleibt, ist mir ein Rätsel.
  • zu wenig Energie für Kontakte: Die Kinder sind den ganzen Tag in der Schule und in den Kindertagesstätten. Die Eltern arbeiten, lunchen und bilden sich weiter. Wo bleibt denn da noch die Zeit für gemeinsame Familienzeiten, Besuche, ungezwungene Sparziergänge?

Als Personalentwickler kommt mir dazu immer das „Eisenhower’sche Viereck“ in den Sinn. Da gibt es den linken oberen Quadranten „wichtig“ und „nicht dringend“. Langfristige Beziehungsarbeit gehört genau in diese Kategorie.

In welche Kategorie sortierst du denn die Fernseh-, Computer- und Handyzeiten ein?

(lacht) Wahrscheinlich in die Kategorie „dringend“ und „nicht wichtig“.

Augustinus persönlich: Konfrontiert mit seiner Sündhaftigkeit

Augustinus gewährt uns in seinem Schlüsselwerk „Bekenntnisse“, in seinem 45. Altersjahr geschrieben, einen Rückblick in sein eigenes Leben. Die ersten acht Bücher berichten von seiner intensiven Gottessuche. Besser drücke ich es umgekehrt aus: Von Gottes Suche nach ihm. Augustinus wird mit seiner eigenen Sündhaftigkeit konfrontiert. Es ist kein Wunder, dass Pelagius eben an dieser Schrift Anstoss genommen hatte, insbesondere an seiner oft wiederholten programmatischen Aussage: Gib, was du befiehlst…

Schon im ersten Buch über seine frühe Jugend findet Augustinus starke Worte: Das kleinste Kind ist sündig. Diese für unsere Ohren unerhört klingende Aussage unterstreicht er durch selber Erlebtes:

Erhöre mich, Gott. Wehe über die Sünden der Menschen! So spricht ein Mensch, und du erbarmst dich sein, denn du hast ihn geschaffen, aber seine Sünde schufest du nicht. Wer zeigt sie mir, die Sünde meiner Kindertage? Ist doch niemand vor dir vor Sünde rein, auch kein Kindlein, das nicht älter ist als einen Tag. … Mit eigenen Augen sah und beobachtete ich einmal eines Knäblein Eifersucht. Es konnte noch nicht sprechen und schaute doch blass, mit bitterbösem Ausdruck auf seinen Milchbruder! Wer kennt das nicht?Aurelius Augustinus, Bekenntnisse, dtv: München 2007. (38-39)

Er reflektiert seinen jugendlichen Eifer – für das Unrecht der anderen. Er erlebte sich als Menschen, der gerne auf andere zeigte:

Denn was war mir so zuwider, was schalt ich, wenn ich andere darüber ertappte so heftig wie eben das, was ich ihnen selber tat? Wurde ich aber selbst ertappt und ausgescholten, tobte ich lieber, als dass ich nachgegeben hätte. (54)

Seine Lehrer waren auf äusseres Ebenmass beacht, während seines Inneres ungepflegt blieb:

Nur darauf war er erpicht, dass ich in wohlgepflegter Rede mich ergehen lerne, mochte auch das Ackerfeld meines Herzens verwahrlosen, dessen einzig wahrer und guter Herr du bist, du, mein Gott. (59)

Eine sehr bekannte Szene ist die Schilderung des Birnendiebstahls im Rudel mit anderen Jugendlichen. Was uns als Bagatelle vorkommen mag, ist für ihn Anlass für eine mehrseitige Analyse. Besonders pikant daran ist, dass er nicht aus Not, sondern aus Spass stahl:

Ich aber wollte stehlen, und stahl auch, von keinem Mangel gedrängt, nur dass die Gerechtigkeit mir mangelte und zuwider war und die Sünde mich reizte. Denn ich stahl, was ich selbst im Überfluss und viel besser besass, wollte das gestohlene Gut auch nicht etwa geniessen. Sondern den Diebstahl selbst und die Sünde wollte ich geniessen. (61)

Im Kontrast dazu findet Augustinus immer wieder Worte der Dankbarkeit für seinen Erlöser:

Deiner Gnade allein und Barmherzigkeit verdanke ich’s, dass meine Sünden wie Eis geschmolzen sind. Deiner Gnade danke ich auch das Böse, das ich nicht getan habe. (66)

Als nunmehr erwachsener Mann und aktiver Anhänger der Manichäer glaubte er selbst an seiner Sünde keinen Anteil zu haben:

Noch meinte ich, nicht wir seien es, die sündigen, sondern in uns sündige irgendeine fremde Natur. … meine unheilbare Sünde war, dass ich kein Sünder zu sein glaubte… (127)

Seine Gewohnheiten bezeichnet er als Schlamm, dem er nicht selber zu entfliehen vermochte:

Nun war ich dreissig Jahr alt und sass noch immer fest in demselben Schlamm, voll Gier, die flüchtigen, zerstreuenden Freuden der Gegenwart zu geniessen… (153)

Intensiv dachte er – wie auch in späteren Jahren – über den Ursprung des Bösen nach und darüber, warum er als Gottes Geschöpf Böses wollte:

Schuf mich nicht mein Gott, der nicht nur gut, sondern das Gute selbst ist? Woher kommt es denn, dass ich Böses will und Gutes nicht will? (166)

Seine Bekehrung erlebte er als Gesundungsprozess und als allmählicher Durchbruch des Lichtes:

Mit inneren Stacheln triebst du mich, dass ich keine Ruhe fände, bis du mir durch innere Schau gewiss geworden wärst. Unter der heilenden Kraft deiner geheimnisvoll wirkenden Hand schwand mein Geschwulst dahin, und meines Geistes getrübte und verdüsterte Hellsicht ward durch die scharfe Salb heilsamer Schmerzen allmählich geheilt. (175)

Er erlebte es am eigenen Leib, dass sein Wille, durch Gewohnheiten geformt, eben nicht dem Guten nachstrebte:

Und ich forschte, was Sünde sei, und fand kein Wesen, sondern die Verkehrtheit des vom höchsten Wesen, von dir, o Gott, dem Niedersten sich zuwendenden Willens, der ‚sein Innerstes wegwirft‘ und draussen sich aufbläht. (182)

Denn aus verkehrtem Willen ward Leidenschaft, und da der Leidenschaft ich nachgab, ward Gewohnheit daraus, Gewohnheit aber, der man nicht widersteht, wird zum Zwang. …mit dem Willen war ich dahin gelangt, wohin ich nicht wollte. (199)

In Gottes Licht gestellt, erblickte er seinen eigenen Schmutz. Seine Umkehr ist gefolgt von einer Zeit des Bekenntnisses.

Jetzt stelltest du mich Auge in Auge mir selbst gegenüber, dass ich schaute, wie hässlich ich sei, wie entstellt und schmutzig, voller Flecken und Schwären. Ich sah’s und schauerte und wusste nicht, wohin ich vor mir selbst hätte fliehen sollen. (204)

Ich erröte über mich selbst, verschmähe mich und erwähle dich und kann dir und mir nur in dir gefallen. (246)

Er will nun als erlöster Mensch ein Leben aus der Kraft des Erlösers leben. Dabei ist er sich bewusst, dass dies auf der Erde ein „Leben in Vorläufigkeit“ bleibt.

Ich will nicht mein eigenes Leben führen. Übel hab‘ ich gelebt, als ich aus mir lebte, und war mir selbst zum Tode. In dir lebe ich auf. (338)

Meine Gedanken, das innerste Leben meiner Seele, werden vom wirren Wechsel zerrissen, bis ich dereinst, gereinigt und geläutert durch das Feuer deiner Liebe, einmünde in dir. (330)

Diese biografische Optik hilft uns zu verstehen, warum Augustinus mit solcher Heftigkeit dem Pelagianismus gegenübertrat – einer Bewegung, die der Natur des Menschen und der Leistungsfähigkeit des menschlichen Willens einen überhöhten Stellenwert einräumte.

Das Evangelium im Zentrum der Gemeinde

Vom 18. – 20. August 2011 fand die dreitägige Konferenz “Das Evangelium im Zentrum der Gemeinde” statt. Die verschiedenen Vorträge stehen zum Download bereit, z. B. dieser:

Die DNA der Gemeinde: Textauslegendes Predigen und biblische Theologie

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