Hanniel bloggt.

Aufenthaltsort: In der Welt. Identität: Nicht von dieser Welt. Mandat: Gesandt in diese Welt.

John Frame, amerikanischer reformierter Theologe, hat eine Menge Aufsätze online gestellt. Neulich habe ich mir seine “Doctrine of the Knowledge of God” bestellt – gewiss kein leicht verdaulicher Happen. Die anderen Bände der gleichen Reihe:

Thomas Schirrmacher hat Frames metaethisches Modell “Die drei Seiten jeder Entscheidung” in seinem Buch “Führen in ethischer Verantwortung” in den Kontext von Führungskräften übersetzt; Ron Kubsch hat dasselbe für die Seelsorge gemacht (“Die drei Seiten der Seelsorge: Gebot, Weisheit, Herz”. S. 137-. 170: in: Ron Kubsch (Hg.). Die Wiederentdeckung des. Glaubens in der Seelsorge.) John Frame erklärt dieses Modell kurz in “Perspectives on the Word of God – An Introduction to Christian Ethics”.

Nun genug der Empfehlungen.

Auf Rons Blog wurde eifrig diskutiert über den Zusammenhang von Atheismus/Evolutionstheorie sowie über die Frage, ob eine Erklärung über die Entstehung der Welt notwendig ist.

Position Nein (wir brauchen keine Antwort):

Warum eigentlich? Und wenn ich keine Ahnung hätte, wie die Welt entstanden ist, und keine Idee hätte, wie komplexe Lebewesen sich entwickelt haben, und wenn morgen jemand ein präkambrisches Kaninchen fände, was hätte das denn mit der Frage zu tun, ob ich an irgendwelche Götter glaube?

Position Ja (wir brauchen eine Antwort):

Die Welt muß ja IRGENDWIE entstanden sein. So weit sind wir uns sicher einig. Und wenn sie nicht durch ein höheres Wesen geschaffen ist, muss sie anderweitig entstanden sein. So weit klar.
Über das “anderweitig” hat man doch automatisch wenigstens irgendeine Vermutung. Irgendeine Sicht muß Dir doch MEHR Plausibilität zu haben scheinen als die Sicht, es gebe einen Schöpfer. Auf was basiert diese unterstellte Plaubilitität? Entweder auf Vernunftsgründen, also entweder, Du hast vernünftige Gründe für diese Annahme, oder Du hast keine vernünftigen Gründe. Wenn es vernünftige Gründe sind, muß diese Alternative mehr Erklärungskraft haben als die Sicht, (irgendein, z.B. der Biblische) Gott habe die Welt erschaffen.
Damit diese Sicht aber Erklärungskraft hat, muß man wenigstens ein Modell vorlegen, oder irgendeine Erklärung.
Alternativ könnte es nur sein, dass die Annahme NICHT auf Vernunftgründen basiert. Das heißt es wäre eine irrationale Alternative.
Also, dann hättest Du eine – aus Deiner Sicht unplausible – Sicht abgelehnt, um eine irrationale Alternative anzunehmen. Niemand kann Dich hindern, eine irrationale Sichtweise zu vertreten. Wir haben ja Meinungsfreiheit. Aber dann darfst Du nicht erwarten, dass sie ernstgenommen wird. Das wäre ja unlogisch, und das würdest Du ja nicht behaupten wollen, dass Du “Unlogik” gut findest.

Du sollst seinen Namen nicht missbrauchen. Wer achtsam durch den Tag geht, dem wird auffallen, wie oft der Name Gottes in den Mund genommen wird. Dies geschieht vor allem in Momenten, in denen Unerwünschtes passiert. Die achtlos hingeworfenen Fluchwörter deuten auf eine innere Einstellung hin. Und darum geht es letztlich auch.

Frage: In welchen Situationen nehme ich den Namen Gottes ungebührlich in den Mund? Was sagt dies über meine Einstellung aus?

Grün (dieses Mal im Vorsprung mit 7 zu 2 Nennungen)

  • Meine Frau möchte den Hintern meines Jüngsten mit Salbe behandeln; der Kleine sieht die Tube und streckt ihr seine Zahnbürste hin. Was gibt es Schöneres in einem solchen Moment als herzhaft zu lachen?
  • Meine Jungs haben sich zum dritten Mal an ein Musical angemeldet. In einem Paket sind Notenheft und CD angekommen. Im Triumpfgeheul wird die CD eingelegt, alle zwängen sich in das Bett meiens Dritten, es wird eine kleine Lampe im Bett installiert. Und dann wird mit Hingabe geübt. (Wenn ich daran denke, mit wie viel Mühe wir Erwachsenen uns an einen Vorbereitungsauftrag setzen…)
  • Meine beiden Ältesten verbringen einen Tag pro Woche bei Opa und Oma. Da lernen sie fürs Leben: Zum Beispiel helfen sie Opa die Winterreifen auf den Online-Markt Ricardo zu stellen.
  • Kopfrechnen gehört seit Jahren zum täglichen Brot, wenn ich mit meinen Söhnen unterwegs bin. Von einem Mathematikprofessor habe ich vor einiger Zeit den Tipp bekommen, mit meinen Söhnen mathematische Rätsel zu lösen. Eben habe ich fünf solche Bücher bestellt und freue mich aufs Knobeln.
  • Meine Jungs spielen regelmässig Post. Das heisst: Sie schreiben eine Menge Briefe, stempeln sie ab und schicken sie uns Eltern, einander und anderen Menschen. Ein sehr sinnvolles Spiel!
  • Zwei befreundete Buben haben bei uns übernachtet. Die Vorfreude bei unseren Jungs war sehr gross. Als sie wieder gegangen waren, setzte sich unser Zweiter hin und schrieb einen langen Einladungsbrief – für das nächste Treffen. Er brachte den Brief vorbei, und sie machten am nächsten Tag gleich wieder ab.
  • „Wir haben Rakete gespielt.“ So klärt mich mein Ältester mit geheimnisvollem Blick auf. „Wie sah denn diese Rakete aus?“ – „Also, die Rakete war das Bett. Wir gingen unter die Decke. Und wenn ich mit dem Rohr an die Wand stiess, flogen wir los.“ Ich wünsche guten Flug!

Rot

  • Unser Vierter fühlt sich seit Tagen nicht wohl und isst kaum mehr. Morgens ist sein ganzes Bett vom Dünnflüssigen verschmiert. Meine Frau wäscht sofort alle Bettlaken.
  • Die Mittagspause gehört zu den „heiligen Zonen“ von uns Eltern. Umso lästiger, wenn wir trotz genauer Anweisung drei-, viermal kurz vor dem Einschlafen wieder aufschrecken.

In einem kleinen Sammelband wird das Menschsein dreifach verortet (ein herrlich-fürchterliches Theologen-Unwort):

  1. Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott – in der Schöpfung. Im Gegenüber zum Werk des Schöpfers bleibt menschliches ‚Schaffen‘ immer nur ein Fabrizieren, Manipulieren an bereits Bestehendem. Christen haben immer darauf zu bestehen, dass jedes Leben, auch behindertes Leben, Gabe Gottes ist.
  2. Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt – durch Christus. Durch ihn allein kann der Mensch sein von Gott gewolltes Menschsein, die Gottesebenbildlichkeit, die durch die Sünde verzerrt worden ist, wieder gewinnen.
  3. Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen – in der Kirche. Das Menschsein ist in der Kirche Christi vollendet. Der einzelne Mensch ist nur der Stoff, aus dem der Schöpfer den neuen Menschen schafft.

Karl-Hermann Kandler (Hg.) Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Das christliche Menschenbild angesichts moderner Genforschung. Freimund-Verlag: Neuendettelsau 2002.

Karl Barth hat in seiner Kirchlichen Dogmatik (Bd. 3/II) folgende Grenzpunkte definiert:

  • Das Wesen des Menschen muss von Gott her, vor allem Gott als zu ihm hin gesehen werden.
  • Das Wesen des Menschen geschieht in Geschichte.
  • Der Mensch hat seine Bestimmung in der Ehre Gottes.
  • Er steht unter der Herrschaft Gottes.
  • Seine Freiheit besteht in seiner Freiheit, sich für Gott zu entscheiden.
  • Seine Existenz ist ein Geschehen, in welchem er Gottesdienst darbringt.

Otto Weber. Karl Barths Kirchliche Dogmatik. Ein einführender Bericht. Neukirchener Verlag: Neukirchen 1981. (108-109)

 

The consciousness of good and evil, the awareness of sin, righteousness and judgment, the accusations of conscience, the fear of death and the need for reconciliation are just as real as matter and energy, as size and number. … To act as if they don’t exist betrays a lack of love for the truth.

Herman Bavinck. The Certainty of Faith. Paideia Press: Ontario 1980. (14)

In den letzten Tagen habe ich im Blog von Albert Mohler gelesen. Er äussert sich zu vielen kontroversen Themen. So schrieb er einen tollen Aufsatz als Nachruf zu dem an Krebs verstorbenen Christopher Hitchens. Wir Christen können in mehrfacher Weise von ihm lernen:

  • Hitchens understood the power of ideas, and he never left a field of intellectual combat without giving his best.
  • Hitchens committed his life to the production of words, believing that the printed and spoken word can change the world.
  • Hitchens was a man of passion and personal intensity, and he made friends across ideological boundaries.
  • Hitchens did not hide behind intellectual scorn and he did not fear the open exchange of ideas.
  • Hitchens revealed the danger of cultural Christianity and exposure to tepid, lifeless, superficial Christian teaching.

Justin Taylor führt in der Einleitung des Buches “Beyond the Bounds” fünf wichtige Argumente für eine Kontroverse an:

  • Controversy is required when essential truths are called into question.
  • Truth and love are necessary companions in doctrinal disputes. There is no biblical or logical contradiction between controversy and compassion, contention and contrition, criticism and Christlikeness.
  • We must distinguish between a tolerant spirit toward persons that manifests itself in love, and a tolerant mind toward ideas that is never able to come to a knowledge of the truth.
  • We must love and pray for the good of those whom we critique.
  • Finally, we must commune with God in the doctrines for which we contend. 

Meine Generation hat die Kunst des Debattierens und der Kontroverse nie gelernt. Wer einen Standpunkt in Frage stellt, greift die Person an. Selbst wenn es um essentielle Fragen geht, wird erwartet: Sei still (= tolerant). Ich würde mich gerne mehr streiten.

Friedrich Nietzsche, so wird auch heute debattiert, wird von einigen christlichen Denkern mit seinem Frontalangriff gegen das Christentum gemeinhin als verkappter Christ gesehen. Chesterton berichtet von einer Debatte in einem Intellektuellenklub (vor über 100 Jahren):

Ich meine beinahe, es war in einem etwas merkwürdigen Klub, wo jemand einen Vortrag über Nietzsche hielt und wo man in der Debatte ganz typisch aus dem befriedigenden Gedanken, dass Nietzsche das Christentum angreife, den natürlichen Schluss zog, dass er ein wahrer Christ sei.

Einige Zeilen später sein Kommentar:

Die ‘Intelligenzia’ der künstlerischen und etwas anarchistischen Klubs bildete in der Tat eine sehr seltsame Welt. Und das Seltsamste war meiner Meinung nach, dass sie nicht dachte, obwohl sie sehr viel über das Denken dachte.

G. K. Chesterton. Autobiographie. nova & vetera: Bonn 202. (170)

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