Buben zur Selbständigkeit anleiten (1): Grosses Ziel, tägliches Ringen

Wenn mich jemand fragt, was mich beschäftigt (das sind übrigens hilfreiche Frage für ein tiefer gehendes Gespräch), dann gebe ich zur Antwort: “Ich ringe darum, meine Buben im Alltag zur Selbständigkeit zu führen.” Dieses hehre Ziel hatte ich vor Jahren in unserer Familienvision ausformuliert. Heute und morgen zeigt es sich, ob dieses Ziel bloss Makulatur ist oder ob ich es in den Alltag zu übersetzen verstehe. In meinem Bemühen habe ich es stets mit mindestens zwei Menschen zu tun: Mit meinem Sohn und und mit mir selbst.

Ich bin gut bedient damit, bei mir selbst zu beginnen. In welcher Haltung begegne ich meinem Sohn? Wo verliere ich mich in meinem eigenen perfektionistischen Streben? Wo setze ich eine zu hohe Latte an? Wo halte ich sie zu niedrig? Was verlange ich von ihm, was ich von mir selbst nicht fordere? Welche Verhaltensweisen, die mich stören, hat er mir abgeguckt?

Dann gilt es einen genauen Blick auf meinen Sohn zu werfen: Was sind die Gedanken, die ihm zuvorderst stehen? Nach was strebt er?  Was kann und will er davon ausformulieren? Wo erlebt er Frustration, das heisst Abweichung zwischen seinem eigenen Streben und den erreichten Resultaten? Wie geht er damit um?

All diese Fragen kläre ich nicht “psychologisch”, sondern als Vater. Es fehlt oft nüchterne Distanz, dafür pulsiert die Zuneigung. Meine Gedanken teile ich mit dem, der mich gemacht hat; ich erwäge sie mit meiner Frau. Es geht mir weniger um Verhalten, mehr um das Herz. Weniger um Inhalte, mehr um Charakter.

Rückblick auf zwölf Monate Lesen und Schreiben (4)

Nach rund fünf Monaten hatte ich genügend Material gesammelt, um mit dem eigentlichen Schreiben zu beginnen. Die Mischung aus deduktivem und induktivem Vorgehen bewährte sich. Ich erinnere mich gut an eine lange Zugfahrt, während der ich meine gesamten Notizen auf das Thema “Teleologie” durchkämmte. Ich versuchte handschriftlich auf mehreren Seiten die Gedanken aufzuschreiben und dann in eine Reihenfolge zu bringen. Die einzelnen Gedankenbündel dienten mir später als Untertitel. Erst fügte ich die einzelnen Gedanken als Stichworte ein und hängte die Zitate in der Originalsprache (niederländisch oder englisch) daran.

Dieses “Skript” diente mir als Vorlage für das Formulieren. Ich wurde nicht ständig in meinen Gedanken gestoppt, um eine Belegstelle herauszusuchen. Alle Zitate fanden sich bereits im Text vor. Es galt nun, diese in einen zusammenhängenden Text einzubinden. In dieser Phase bewährte es sich, drei und mehr Stunden am Text zu bleiben und grössere Abschnitte zu schreiben. Eine Stunde dauerte jeweils die “Anlaufszeit”, um richtig in den Fluss zu kommen.

Der nächste Schritt bestand darin, die einzelnen Ausschnitte aus Bavincks Werk sinngemäss wiederzugeben und wo nötig wörtlich zu zitieren. Ich merkte, dass ich auch in dieser Phase immer trocken lief. Das bedeutete, dass ich parallel zur Schreibarbeit weiterlas, um zusätzlichen “Schmerstoff” für das Ausformulieren zu erhalten. Als sehr hilfreich erwiesen sich die Treffen mit einem Studienkollegen, um ihm den Inhalt eines zusammengestellten Teils zu schildern. Was sich über Wochen und Monate in meinem Kopf abgespielt hatte, musste ich nun in einer zusammenhängenden Darstellung weitergeben.

Familienandacht: Einführung in die grossen Propheten (Jeremia)

Es ist mir ein Anliegen, nicht “ewig” zu verweilen, sondern ein Thema in einem realistischen Zeitraum abzuhandeln. Ich achte darauf, dass ein Durchgang durch ein Bibelbuch ein bis zwei Wochen dauert. Nach einer Zeit frage ich nach, was sie noch wissen. Das zeigt mir, was meine Kinder aufnehmen konnten und was sie sich nicht, unvollständig oder verkehrt “abgespeichert” haben. Für die grossen Propheten hat es sich bewährt, dass ich 3 Portionen à 3 Merkmalen oder inhaltlichen Elementen weitergegeben habe.

Drei erstaunliche Dinge:

  • Gott erwählte ihn vorgeburtlich zum Propheten (Jer 1,5)
  • Gott schickte ihn in einen äusserst unangenehmen Dienst (Jer 1).
  • Seine Zuhörer hörten auch dann nicht, als eintraf, was Jeremia ankündigte (Jer 44).

Drei traurige Dinge:

  • Jeremia musste über die eigene Botschaft weinen (Jer 8,31). Sie nahm ihn her.
  • Die eigene Familie plante einen Anschlag gegen ihn (Jer 11,21).
  • König Jojakim verbrannte die Schriftrolle Stück für Stück (Jer 36).

Drei ermutigende Botschaften:

  • Gott beschützt seinen Diener. Er bewahrt ihn nicht vor dem Brunnen, aber er lässt ihn auch wieder herausziehen (Jer 26 u. a.).
  • Das Gericht dauert 70 Jahre (Jer 25,11).
  • Gott würde einen neuen Bund schliessen, der nicht vom Gehorsam des Volkes abhing (Jer 31,31-34).

Abtreibungen 2012 in der Schweiz

Der Zustand einer Gesellschaft misst sich (unter anderem) daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Ich erinnere an die Manhattan-Erklärung:

Ein wahrhaft prophetisches christliches Zeugnis wird unermüdlich die Mächtigen dieser Welt aufrufen, die vornehmste Regierungsverantwortung wahrzunehmen: die Schwachen und Verletzlichen vor gewaltsamen Angriff zu schützen, und zwar ohne Parteinahme, Begünstigung oder Diskriminierung. Die Heilige Schrift macht es zur Pflicht, die Schutzlosen zu beschützen, den Sprachlosen ein Sprachrohr zu sein. Deshalb stehen wir ein und sprechen für die Ungeborenen, die Behinderten und die Pflegebedürftigen. Was im Lichte der Bibel und der Vernunft klar ist, müssen wir klar machen. Wir müssen bereit sein, das Leben unserer Geschwister in jeder Lage und in jeder Entwicklungsstufe zu verteidigen, egal, was es uns und unseren Einrichtungen kostet.

Kürzlich wurden die Zahlen der Abtreibungen 2012 in der Schweiz publiziert. Hier geht es zur Auswertung des Bundesamts für Statistik.

Ich habe mich gefragt, ob in einigen Jahren die Statistiken über Euthanasie (aktive Sterbehilfe) ebenfalls national aufgeschaltet sein werden. Zudem plagt mich der Gedanke, wie es den knapp 11’000 Frauen wirklich geht. Gerade da sehe ich eine Schwierigkeit: Wenn ein Unrecht gesellschaftlich nicht (mehr) als Unrecht gesehen wird, dann wird es schwierig, sie als Not überhaupt zu adressieren. Es bestätigt sich einmal mehr der Grundsatz, dass die Abschaffung von alten Tabus neue hervorbringt.

Eine Debatte zu den Endzeitmodellen

Ambrose Bierce: “REVELATION, n. A famous book in which St. John the Divine concealed all that he knew. The revealing is done by the commentators, who know nothing.”

Auf theoblog hat vor einiger Zeit eine rege Debatte zu Eschatologie und Endzeitmodellen stattgefunden. Interessant sind die Beiträge darum, weil sie

  • den Umgang zwischen den Vertretern verschiedener Modelle und Zugänge thematisieren
  • beispielhaft die Wichtigkeit der Hermeneutik verdeutlichen
  • sich nach einigem “Vorgeplänkel” doch auf handfeste Bibeltexte beziehen

Einige hilfreiche Links zu Darstellungen:

 

Reicht unser (physisches) Machwerk bis in die zukünftige Welt hinein?

Rachel Held Evans hat in ihrer Kolumne “Ask…” 300 Fragen an N. T. Wright gesammelt. Eine Frage, die ihm präsentiert wurde, fand ich nicht nur gut formuliert, sondern auch zentral. Sie betrifft die hinter dem “Transformatorischen Christentum” liegende Eschatologie:

You have argued, particularly in Surprised by Hope, that the bodily resurrection and the physical nature of the coming consummation of the Kingdom opens up to us a legitimate basis for physical action in the world: the things we do in the body and on this planet for good, matter. How exactly do these things ‘last’ into the eschaton? How seamless is the relationship between the now and the not-yet? What seems especially tricky to me here is doing things that have implications outside of the Church. Do the parts of the physical world we preserve through our ecological work literally remain into the eschaton? What about securing justice for non-believers who will ultimately, we would posit, be judged eternally? Most fundamentally: how exactly do your eschatological views, particularly in teasing out these details, provide a well-supported basis for a Christian social ethic?

Zur kurzen Antwort geht es hier. Wie würdet ihr sie beantworten?

Rückblick auf zwölf Monate Lesen und Schreiben (3)

Wie es beim Sichten von umfangreichem Material üblich ist, verlor ich zwischendurch den Überblick über die Fülle des Dargebotenen. Was mir von Anfang an beim Sammeln half, war ein separates Dokument für jeden Text von und über Bavinck. Innerhalb des Buches versuchte ich zuerst, Inhalte und Zitate nach Themen zu gruppieren. Ich merkte jedoch rasch, dass die einzelnen “Quotes” so schwieriger aufzufinden sind, als wenn sie der Struktur des Buches nach geordnet gewesen wären. So behielt ich die ursprüngliche Struktur bei und notierte mir jeweils Thema und Seitenzahl. Besonders wichtige Zitate markierte ich zudem fett. Ich druckte mir diese “Zusammenfassungen” aus, um sie von Zeit zu Zeit gesondert durchzusehen. Gerade durch dieses zweite Sichten des Materials kamen mir manch gute Ideen.

Erst beim Lesen wurde mir Stück für Stück klarer, wie ich meine eigene Arbeit strukturieren könnte. Zwar war ich vor dem Start schon mit Fragen im Kopf gestartet. Aus meiner beruflichen und familiären Tätigkeit waren mir wichtige Fragen zum Thema Lernen präsent. Die Spannung war gross, ob ich bei Bavinck Antworten finden würde. Als ich seine “Prinzipien der Pädagogik” zum zweiten Mal las, sprang mich Bavincks eigene Struktur an: Er baute sein Werk in drei Schritten auf, nämlich Ziel, Standort oder Startpunkt und Methodik. Diese Grobstruktur legte ich denn auch meiner Arbeit zugrunde.

Mit der Zeit begann ich zudem, einzelne inhaltliche Elemente auf kleine Karten zu notieren. Nachdem ich die Disposition fertig hatte, konnte ich die einzelnen Karten einem Thema bzw. Unterthema zuordnen. Obwohl ich die Karten später kaum mehr benützte, halfen sie mir dabei, gedankliche Klarheit in die vielen Einzelteile zu bringen. Nachdem ich einen Teil gelesen hatte, begann ich die fett gestellten Zitate auf dem Papier mit Zahlen den einzelnen Teilen zuzuordnen.

 

Familienandacht: Einführung in die grossen Propheten

Ich versuche meiner Familie die vier grossen Propheten näher zu bringen. Die letzte Woche war Jesaja dran. Ich entschied mich für einige Verse vom Anfang des Propheten, die grosse messianische Prophezeiung und den Schluss. Auch mein Sechsjähriger war voll mit dabei.

Wie beschrieb Jesaja die Situation unter Gottes Volk?

  • Das Volk kennt sein Zuhause nicht: “Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.” (Jes 1,3)
  • Das Volk nicht erziehbar: “Wohin soll man euch noch schlagen, die ihr doch weiter im Abfall verharrt? Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt.

    Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an euch, sondern Beulen und Striemen und frische Wunden, die nicht gereinigt noch verbunden noch mit Öl gelindert sind. (Jes 1,5+6)

  • Das Volk feiert weiter Gottesdienst: “Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! (Jes 1,13)
  • Gott kündigt Vergebung an: “Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.” (Jes 1,19)

Wie wurde der Messias angekündigt?

  • Er hatte keine äussere Pracht: “Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 

    Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.” (Jes 53,2-3)

  • Er trug stellvertretend Schuld: “Aber er ist um unsrer Missetat1 willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

    ” (Jes 53,5)

  • Er hat ein grosses Volk befreit: “Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen.” (Jes 53,10)

Wie endet das Buch?

  • Gott schafft alles neu: “Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

    ” (Jes 65,17)

  • Gott wird angebetet: “Alles Fleisch wird einen Neumond nach dem andern und einen Sabbat nach dem andern kommen, um vor mir anzubeten, spricht der HERR.” (Jes 66,23)
  • Gott richtet: “Sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren; denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel sein.” (Jes 66,24)

Rückblick auf zwölf Monate Lesen und Schreiben (2)

Der Start des Unternehmens war entscheidend: Ich wusste, WARUM ich Bavinck studieren wollte. Diese Zielsetzung vor Augen stürzte ich mich ins Lesen. Während der ganzen Lesereise ging es mir darum, a) Bavincks Hauptlinien zu verstehen und b) alle Aussagen, die mit dem Themen der Bildung bzw. des Lernens zusammenhingen, zu sammeln.

Zuerst war das Hauptwerk Bavincks, die Reformierte Dogmatik mit rund 2’500 Seiten, dran. Bavinck-Experte John Bolt hat die englische Ausgabe editiert, John Vriend eine ausgezeichnete Übersetzung besorgt. Den ersten Band las ich – als Experiment – am Bildschirm. Die Zitate übertrug ich direkt in ein Word-File. Doch das Buch hat durchaus seine Vorzüge. So entschied ich mich, die Bände 2 – 4 auf Papier zu lesen und mit dem Stift zu bearbeiten. Über die verschiedenen Stadien des Lesens habe ich bereits hier berichtet.

Nach dem Hauptwerk folgten Bavincks wichtigste philosophische Schriften (u. a. Christliche Weltanschauung, Philosophie der Offenbarung). Mit Bavincks Vorgehen und Schreibstil vertraut, verlies ich dann den sicheren Grund der englischen Sprache und wagte ich mich an das Niederländisch heran. Kein Sprachkurs, sondern die direkte Annäherung wählte ich. Das heisst: Den niederländischen Text zunächst abschnittweise zu verstehen suchen; dann die Abschnitte mit Hilfe von Google Translator (man kann den Text dort übrigens auch hören) übersetzen und die wichtigsten Aussagen gleich in ein Dokument übertragen.

Dann folgten die übrigen Werke Bavincks, insbesondere die kürzeren Reden und seine ethischen Schriften. Sie bildeten wertvolle eine wertvolle Ergänzung zum bisher Gelesenen. In dieser Phase begann ich parallel die Biographien Bavincks zu lesen. Zudem besorgte ich mir die wichtigen Aufsätze zu Bavinck, insbesondere aus dem Calvin Theological Journal. Es fiel mir auf, dass sich manche Aufsätze nur auf das übersetzte englische Material von Bavinck bezogen. Es hat sich gelohnt, sich auch die übrigen Schriften zu Gemüte zu führen. Ergänzend dazu las ich einige Dissertationen bzw. Auszüge davon. Neben der Auseinandersetzung mit der Bavinck-Rezeption lernte ich so indirekt über das Vorgehen der Gelehrten.

Rückblick auf zwölf Monate Lesen und Schreiben (1)

Ich komme aus einer Phase intensiven Schreibens. Während den letzten zwölf Monaten habe ich fast täglich an der Dissertation gearbeitet. Eine Möglichkeit, um den intensiven Prozess zu verdauen, mich auf die nächste Wegstrecke auszurichten und andere am eigenen Lernen teilhaben zu lassen ist ein strukturierter Rückblick.

Der Start

Mein Professor meinte beim Initialtermin für die Dissertation: „Es fehlt dir ein wichtiger Schritt vom Amateur zum Gelehrten. Du musst ein Gesamtwerk studieren, zusammenfassen, beurteilen und auf eine aktuelle Fragestellung anwenden.“ Auf die Frage, welche Person dafür in Frage kommen würde, wusste ich die Antwort innert Sekunden. Herman Bavinck (1854 – 1921) war meine erste Wahl. Weshalb?

Bavinck war nicht nur systematischer Theologe, sondern durch sein berufliches Engagement stark in die Entwicklung der universitären Bildung involviert. Seine konfessionelle und politische Zugehörigkeit brachten zudem zahlreiche Auftritte im Umfeld der konfessionellen Privatschulbewegung seiner Zeit mit sich. Er erlebte gewaltige Veränderungen innerhalb seiner Lebenszeit. Die höhere Kritik der Bibel hatte das Schaffen der Theologen im 19. Jahrhundert radikal verändert. Darwin beendete seine Laufbahn, als Bavinck die Bühne betrat. Er las nicht nur Nietzsche, sondern setzte sich z. B. ebenso engagiert mit der Reformpädagogik nach der Jahrhundertwende auseinander. Er erlebte die rasche Industrialisierung der Niederlanden, beschleunigt durch den Handel mit den Kolonien. Selbst mitnichten ein Euphoriker, beobachtete er die „Trunkenheit“ der Völker durch den raschen technischen Fortschritt, aber auch die folgende Ernüchterung durch den Ersten Weltkrieg.

Seine Ideen blieben nicht in den Schubladen liegen, im Gegenteil: Nicht nur agierte er auf kirchenpolitischem Parkett an vorderster Front, als er die Vereinigung von zwei Kirchen mitgestalten konnte. Ebenso agierte er beispielsweise als (eher unglücklicher) Parteivorsitzender der Antirevolutionären Partei während deren „Peak“: Der langjährige Weggenosse Abraham Kuyper bekleidete von 1901 – 1905 das Amt des Ministerpräsidenten. In den Jahren danach wurden Weichen für das Bildungssystem die Niederlanden der nächsten Jahrzehnte gelegt, insbesondere die finanzielle Gleichstellung von öffentlichen und privaten Schulen.

Speziell fasziniert hat mich die Biographie von Bavinck auch darum, weil er aus einem pietistisch geprägten Hintergrund kam. Er rang sein Leben lang um eine Verbindung zwischen dem Erbe seiner Väter, sprich reformierter Frömmigkeit, und den drängenden Fragen der Moderne. In diesem Ringen war er ehrlich bemüht, die Heilige Schrift und die Bekenntnisse nicht zur Seite zu lassen, sondern in Kontakt mit dem gesamten Leben zu bringen. Dieser Hintergrund führte dazu, dass ich während der ganzen Zeit gebannt beim Thema blieb.

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